Ursprungskamele

Stefan Nink - Gruß aus der Welt
Ausgabe: 
01
2016
Mittwoch, 17. Februar 2016 - 16:15
Kolumne
Stefan Nink

Foto: Ralf Ziegler / AdLumina

Gerade eben erreicht uns die Meldung, dass die größte US-amerikanische (und nach dem Ersten Maat auf Ahabs „Pequod“ benannte) Caféhaus-Kette demnächst eine Filiale in Phnom Penh eröffnen will. In Phnom Penh! So geht es jetzt ja immer und überall, alles globalisiert, alles wird gleich und gleicher, schon Cézanne hat’s damals geahnt, als er empfahl, sich tunlich zu beeilen, wenn man noch etwas sehen wolle – alles sei dabei, in Windeseile zu verschwinden. Deswegen kann man einem Reisenden nur ans Herz legen, unterwegs auf die letzten wirklich ursprünglichen Dinge zu achten. Abseitige Viertel anzuschauen, die nicht in jedem Reiseführer seziert werden. Sich lieber mal eine mittlere Magenverstimmung vom Essen am Straßenrand zu holen, als immer nur Pizza Margherita und italienischen Chianti im Hotelrestaurant. Und in den Emiraten sollte er nicht bloß die gehypten Shoppingmalls besuchen, sondern unbedingt auch einen Kamelmarkt.

Der von Doha im Emirat Katar liegt an einer staubigen Ausfallstraße, über die der Wind jede Menge Sand aus der Wüste in lustigen Wirbeln Richtung Hauptstadt treibt. Dem Taxifahrer gefällt das nicht, wahrscheinlich ahnt er, dass sein Auto nach der Tour gewaschen werden muss, und vielleicht fährt er auch deshalb mit grimmer Miene dreimal am Kamelmarkt vorbei, bevor er den Kamelmarkt gesehen hat. Dazu muss man wissen, dass natürlich auch Kamelmärkte nicht mehr das sind, was sie einmal waren: Richtig gute Rennkamele werden nicht am Straßenrand verhökert, und für alle anderen Exemplare ist der Markt ziemlich übersichtlich geworden. Immerhin ist da noch ein Kamelverkäufer, der gerade versucht, seine Ware für die Kundschaft aufzuhübschen. Beziehungsweise: Sie zumindest auf die Hufe zu bringen.

Foto: Ralf Ziegler / AdLuminaWenn Kamele rennen, sind sie eindrucksvolle Tiere. Dann werfen sie ihre Beine so weit es geht nach vorne und versuchen anschließend, mit dem nicht unwesentlichen Rest ihres Körpers nachzukommen. Liegende und stehende Kamele allerdings sind ein anderes Kaliber. Zuerst muten sie wie festgewachsen an, aber wer das glaubt, muss sich oft ziemlich schnell vor Hufen oder einer schleimigen Masse in Acht nehmen, die ziemlich zielgenau aus den Kamellippen hervorbricht. Diese Exemplare hier halten mich und den Taxifahrer anscheinend für ihre potenziellen Neubesitzer. Deswegen schauen sie uns mit Blicken an, die signalisieren, dass wir von allen möglichen Neubesitzern in der arabischen Welt diejenigen sind, die sie am wenigsten leiden können. Der Taxifahrer wiederum schaut ziemlich offensichtlich auf die Uhr, schon klar, er möchte zurück und Auto putzen, aber ich will ja das ursprüngliche Arabien erleben und frage den Händler jetzt mal ganz unverbindlich, was so ein Kamel denn wohl so kostet. Der Händler braucht jetzt einen Taschenrechner und drückt dem verdutzten Taxifahrer die Zügel seines Chefkamels in die Hand, worauf das Kamel beängstigend laut zu röhren und zu gurgeln beginnt. Und die Zähne fletscht. Und seine Kollegen zum Mitröhren animiert. Auf dem Höhepunkt der Kakophonie spuckt, nein, ursprünglicher: rotzt es dem Taxifahrer aufs Hemd.

Zwei Stunden später stehe ich noch immer an einer Bushaltestelle, von der niemand weiß, ob jemals ein Bus an ihr halten wird, stehe dort an einer staubigen Ausfallstraße, über die der Wind jede Menge Sand aus der Wüste in lustigen Wirbeln Richtung Hauptstadt treibt. Richtig ursprünglich stehe ich da.

Stefan Nink ist Reisejournalist. Man kennt ihn aus Funk, Fernsehen und verschiedenen Magazinen. Für uns schreibt er regelmäßig Kolumnen.

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