Zentralnervöse Verschaltung

Kolumne Peter H. Müller
Ausgabe: 
01
2017
Montag, 27. Februar 2017 - 15:45
Kolumne
Peter H. MüllerAls Gast im Restaurant bringt mich kaum etwas aus der Ruhe. Wenn Kinder ihrer Fröhlichkeit Ausdruck verleihen und damit am Leben, das um sie herum geschieht, teilnehmen; alles gut. Ehrlich gesagt mir sogar lieber, als wenn sie per Tablet, wie per Tablette, auf paralysiert geschaltet werden. Wenn es, in mäßigem Rahmen, mal ein wenig länger dauert zwischen den Gängen; kein Problem. Mir, Hand auf‘s Herz, wiederum lieber, als wenn ich per Jagdmenü durch‘s Restaurant geschossen werde und der Zwischengang quasi die Vorspeise begleitet. Wenn die zuckersüße Omama am Familientisch nach dem Hauptgang ein Nickerchen macht und währenddessen von den Enkeln dekoriert wird, wenn die slowakische Gruppe im Nebenzimmer alle halbe Stunde mit einem neuen Trinklied ihren Jubilar feiert, wenn der Zweitplatzierte des letzten Kitzbühler David-Beckham-look-alike-Wettbewerbs im bis zum Nabel aufgeknöpften Hemd zur Feier des gemeinsamen Jahrestages gegenüber seines Posh-Spice-Doubles sitzt und man glaubt, er habe Tourrette bis man den Stöpsel in seinem linken Ohr entdeckt, über den er das Spiel mitverfolgt. Alles gar kein Thema. Ganz im Gegenteil: Unterhaltet mich!
 
Passiert jedoch Folgendes, so habe ich ein Problem, das mich in eine Symbiose aus lebender Neurose eines Adrian Monk verwandelt, gepaart mit der Boshaftigkeit eines Melvin Udall aus „Besser geht‘s nicht“: Es öffnet sich die Tür und die Person, die einem sogleich vom Nachbartisch aus den Aufenthalt vermiest, ist bereits zu erahnen, bevor man sie weder hören noch sehen kann. Die Rede ist von Menschen, die es schaffen, den vorfreudig erwarteten Genuss der Wahrnehmung von Speis und Trank überlagernd zu beeinträchtigen, durch den bloßen Eintritt in meine nasale Peripherie. Menschen, die allein durch das Ablegen ihres Mantels so viele Partikel ihres Mischmasches aus Moschus, Mottenkugeln und Potpourri durch den Raum bis in meinen Rachen schleudern, dass ich ihre aufgetragene Grauslichkeit sogar schmecken muss. Menschen, die einen mit ihren Kopf-, Herz- und Basisnoten derart penetrieren, dass sich ihr Odeur wie Schlick über jede Zutat des Tellers und den Rand eines jeden Glases legt. Sie können gern mal meine Fußnote zu spüren bekommen.
 
Mögen sie künftig ihr Mahl zu sich nehmen in einem Panic Room aus den konzentrierten Reizgasen einer Douglas-Filiale und einer Lastwagenladung Lush-Seife, gemeinsam mit all ihren Parteifreunden der offensiven Abschaltung des olfaktorischen Apparats, denn zumindest den meinen haben sie vorerst außer Betrieb gesetzt. 
 
Die Aussage, jemanden gut riechen zu können, rührt von subtiler Intimität und nicht von einem Wettkampf des Gestankes gegen den Wind. Eingedieselte Wesen, haltet euch fern von mir!

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