Meiningers Sommelier 4/2016: Lagrein

MEININGERS SOMMELIER
Mittwoch, 8. Februar 2017 - 10:00
Verkostungen

FOTO: IDM/ Florian Andergassen

Veilchen, Pfeffer, dazu häufig herzhaft herbe Kornelkirsche und ein markantes, aber nicht sprödes Tanningerüst. Der Lagrein besitzt Charakter, beweist Eigenständigkeit, und die besten Vertreter kosten vielfach nicht mehr als 20 bis 30 Euro.

Fast 40 Lagrein standen am 13. Dezember im Verkostungsraum des Meininger Verlags bereit. Der kleinere Teil als klassische Variante aus den Jahrgängen 2015 und 2014. Hier zeigten die besten Vertreter, dass Lagrein durchaus auch das Zeug zum Charmeur hat, mit frischer, rotbeeriger Frucht. Seine kernige Art mit herzhaftem Tanninbiss kommt jedoch auch in der klassischen Variante zum Ausdruck, was ihn traditionell zum idealen Begleiter deftiger Regionalküche gemacht hat. Der größere Teil, etwa zwei Drittel der Weine, wurde als Riserva zur Verkostung eingesendet. Die meisten davon aus den Jahrgängen 2014 und 2013, vereinzelt auch 2012 oder 2011. Hier zeigt die Sorte ihr ganzes Potenzial. Kraft und Struktur, jedoch mit frischen, komplexen Aromen, häufig verbunden mit floralen Noten. Die Frucht variiert je nach Ausbauweise. Im Zentrum steht die kirschfruchtige Variante, meist in der herberen Spielart als Kornelkirsche. Bei starker Extraktion und kräftigem Holzeinsatz ändert sich die Fruchtausprägung in die dunkle Richtung, wie bei fast allen Sorten dieser Erde. Ein Teil des Sortencharakters geht dadurch verloren. Das Resultat sind dann zwar sehr gute Weine internationaler Prägung, die aber eben auch austauschbar sind. Eines zeigt die Verkostung ganz deutlich: Der Lagrein besitzt unter den autochthonen Rotweinsorten Südtirols das größte Qualitätspotenzial.

Auffallend ist der hohe Anteil an Weinen aus Gries unter den bestbewerteten Weinen. Dieser Bozner Stadtteil mit seinen sandigen Quarzporphyr-Verwitterungsböden in Verbindung mit dem warmen Mikroklima des Bozner Talkessels bietet der Rebsorte ideale Bedingungen, um ihre ganze Klasse zu entfalten. Mit rund 180 Hektar Lagrein-Fläche befindet sich hier nach wie vor das Zentrum des Lagrein-Anbaus. Allen voran der Lagrein von Nals-Magreid, aber auch der Gries von der Cantina Terlan, von Hans Rottensteiner, Lagrein Segen von der Kellerei Meran, der Lagrein Prestige der Kellerei Bozen und natürlich die Weine der Abtei Muri, die sich direkt in Gries befindet, überzeugten in der Probe. Gut für die Orientierung, kritisch für die Zukunft, denn die Stadt Bozen wächst unaufhaltsam. Vielleicht hat der Lagrein gerade noch rechtzeitig genügend Reputation gewonnen, um die besten Flächen vor der Rodung zu bewahren. Zum Glück sind ähnliche Terroirs im Bozner Talkessel auch an anderen Stellen, beispielsweise auch im benachbarten Terlan, zu finden. Dass sich die Sorte auch am Kalterer See wohlfühlt, beweisen die Kellerei Kaltern und Baron di Pauli in der Verkostung. Nachdem die Rebfläche von Ende der 70er bis Ende der 90er Jahre von 370 auf rund 250 Hektar geschrumpft war, erlebt die Sorte gerade eine Renaissance. 2015 waren immerhin 461 Hektar mit Lagrein bestockt.

Text: Sascha Speicher

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