Schriftverkehr

Kolumne PETER H. MÜLLER
Ausgabe: 
03
2019
Donnerstag, 12. September 2019 - 14:00
Kolumne

Die erste E-Mail erreicht mein Postfach ohne Betreff, Anrede oder offenbar unnötige Floskeln und liest sich schlicht: „Wir kommen zu deiner Veranstaltung am Wochenende.“ Von unterwegs gesendet, weil wichtig, mit dem Prototyp I Phone Triple X 4.0. In aller Höflichkeit ausformuliert, mit Betreff und einigen, nicht ganz unwichtigen Fragen, folgt kurz darauf meine Antwort. Mit dieser versuche ich, freundlich mein Gegenüber siezend, herauszufinden, an welchem Tag des Wochenendes und mit wie vielen Personen die Gäste, deren Interesse ich sehr schätze, denn gerne kommen möchten. Die den Verfasser offensichtlich zum Schmunzeln bringende Antwort liest sich erneut entsprechend schnell und besagt schlichtweg, dass sie mindestens zu zweit sein werden, wobei vielleicht auch zu viert, es eventuell aber auch sechs Personen sein könnten. Mich innerlich noch am Boden krümmend vor Lachen über den formidablen Humor jenes feinen Geistes, verfasse ich eine erneute Nachricht mit der bislang offenen Frage über den Tag des Erscheinens der vorfreudig erwarteten Gäste. Zum anderen äußere ich die Bitte, die Personenanzahl doch möglichst genauer zu definieren, da pro Abend lediglich dreißig Sitzplätze vorhanden sind und diese bereits stetig gen besetzt tendieren. Abermals mit einem, dieses Mal jedoch erwarteten, Suplex der Witzgewalt, entnimmt meine, vor Tränen des Lachens verschwommene Sicht, die vier Worte: „Wir kommen am Samstag“.  Unfassbar, wie lustig mein neuer digitaler Brieffreund doch zu sein scheint.

So schreiben wir frohen Mutes und sichtlich voneinander angetan, noch ein wenig hin und her bis es mir gelingt mit allen Mitteln der Kunst der zwischenmenschlichen Konversation meinem Gegenüber eine weitere essentielle Antwort zu entlocken. „Wir kommen zu sechst.“ Selbstredend unterbinde ich meinen kognitiven Drang danach, innerhalb dieses Briefwechsels den guten Menschen darauf hinzuweisen, dass eine Anrede von Vorteil gewesen wäre und man Sätze in der Regel mit einem Satzzeichen beendet, sowie ihn darüber in Kenntnis zu setzen, dass ein lachendes Emoji nicht jedwede Aussage rechtfertigt und selbst ich andere Dinge zu tun habe, als mich mit Piepmätzen ohne Manieren herumzuschlagen.

Es folgt also der Tag des langersehnten Aufeinandertreffens. Der Rabauke der  Telefonstreich gleichenden Reservierungsanfragen entpuppt sich als ein gemachter Mann Ende Vierzig und übertrifft mit seinem Wesen alle bereits sehr hohen Erwartungen. Nachdem er aus seinem Tesla gestiegen ist, schlendert er in die Mitte des Veranstaltungsraumes. Auf seinem Weg dorthin stellt er eine leer getrunkene Dose Energy Drink auf einem bereits mit anderen Gästen belegten Tisch ab und baut sich auf. Seine Frau/Geliebte/Nichte trägt ein bauchfreies, schulterfreies, rückenfreies und beinfreies Kleid, also wenig, sowie ihre Plateauschuhe aus Glas; die mit den lebenden Goldfischen im Absatz. Überschwänglich, als wären wir seit Jahren befreundet, begrüßt er mich mit den Worten: „Wir sind jetzt zu elft.“ Herzlich Willkommen!

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