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Dienstag, 3. September 2019 - 15:15
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Bei der GG-Vorpremiere im Wiesbadener Kurhaus (Foto: Sascha Speicher)

Mit der ganz großen Vorfreude ist wohl kaum jemand zur Vorpremiere der Großen Gewächse des VDP.Die Prädikatsweingüter gefahren. Eher mit einer gehörigen Portion Skepsis und mit unangenehmen Erinnerungen an die Jahrgänge 2003 und 2011. Am Ende der Mammutprobe war die Erleichterung groß. Auch in diesem Herbst kommen wieder viele exzellente GGs auf den Markt. Nicht weil der Jahrgang besser ist als erwartet, sondern weil die Winzer besser, präziser und auch mutiger arbeiten als noch vor zehn oder 20 Jahren.

Doch die Antworten der Winzer auf den Klimawandel behagen nicht jedem: frühe Lese, Korrektur der PH-Werte durch Säuerung auch beim Riesling, Steigerung der Komplexität und eine Extradosis Frische durch das gezielte Einbringen von Gerbstoffen, verschiedenste Arten von Reduktionsnoten quer über alle Rebsorten. Doch an all jene, die dies kritisieren: Wer wünscht sich die biederen Weine aus 2011, 2003 oder zum Teil auch 2009 zurück? Stumpfe, schnellreifende Rieslinge mit exotischer Frucht, zwar mit viel Schmelz, aber ohne Spannung? Allerdings ist schon zu kritisieren, dass gerade bei der Säuerung nicht jeder Winzer das richtige Maß getroffen hat, was zu einigen unbalancierten, süß-sauren Weinen geführt hat.

An dieser Stelle ein kleiner Exkurs zum Spätburgunder, weil es zum Thema passt. Auch hier prägen die genannten weinbaulichen und kellertechnischen Maßnahmen die zeitgenössische Stilistik. Dazu gehört in einigen Fällen auch das Fixieren einer attraktiven, frischen Kirschfrucht durch ausreichendes Schwefeln. Wir begrüßen das ausdrücklich. Wer sehnt sich nach bräunlichen, eher oxidativen Pinots mit 14,5 %vol., Wir jedenfalls nicht. Und nun zurück zum Riesling.

Fazit Riesling 2018

Die Nahe und Rheinhessen liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, dicht gefolgt von der Mosel. In Rheinhessen duellieren sich Wittmann (kompakt, kalkig-mineralisch, vertikal), Gunderloch (ultraelegant, filigran, geschliffen) sowie Kühling-Gillot und Battenfeld-Spanier um die beste GG-Kollektion. Philipp Wittmann und Johannes Hasselbach weitestgehend ohne das inzwischen weit verbreitete Stilmittel der Reduktion, aber auch ohne überbordende Primärfrucht. Herkunft first, sozusagen. Eine attraktive flintig-reduktive Note zieht sich durch die Kühling-Gillot-Weine, während die Battenfeld-Spanier-Weine mit den typischen hefigen Reduktionsnoten glänzen, die fast ausschließlich auf kalkreichen Böden zustande kommen. Philipp Wittmann mit zweimal 96 Punkten für Morstein und Brunnenhäuschen (dazu je einmal 95 und 94) hat ganz leicht die Nase vorn, dahinter gleichauf Gunderloch (96 Rothenberg und 95 Pettenthal), Kühling-Gillot (96 für Rothenberg, zweimal 95 und einmal 94) und Battenfald-Spanier (96 für Zellerweg am Schwarzen Herrgott, dazu zweimal 94). 2018 brilliert am Roten Hang der Rothenberg noch einen Tick mehr als Pettenthal. Bei Hipping zeigt sich, dass die Handschrift weitaus markanter hervortritt als das Terroir: vier Weine mit vier komplett verschiedenen Stilistiken. Der höchstbewertete Riesling aus Rheinhessen stammt von Klaus Peter Keller, der nur einen Riesling vorstellte: Brunnenhäuschen „Abts E“ ist einer von zwei Rieslingen des Jahrgangs 2018, die wir mit 97 Punkten bewerteten.

Nahe: Dönnhoff und Schäfer-Fröhlich

Der zweite 97-Punkte-Riesling stammt von Tim Fröhlich. Der Stromberg mit seiner zitrusfrischen, rauchigen, schiefrigen Reduktion verkörpert quasi die Quintessenz nordischer Küche auf Wein übertragen – rau und klar zugleich, leicht verstörend, aber umso mehr faszinierend, dazu mit einer komplexen Gewürzaromatik, wie sie der Stromberg nie zuvor zeigte. Dazu 96 Punkte für den noch einen Tick dunkleren Felseneck, den verschlossen-kompakten, maskulinen Halenberg und das bezaubernde, tänzelnde Frühlingsplätzchen.

Ebenso brillant präsentierte sich die Dönnhoff’sche GG-Kollektion. Weitaus heller, steinfruchtiger, aber nicht minder mineralisch als die Fröhlich-Weine. An der Spitze Hermannshöhle und Brücke mit je 96 Punkten, gefolgt vom gewürzaromatischen Höllenpfad im Mühlenberg (95 P.) mit seiner ausgeprägten tonigen Textur und dem besten Dellchen ever (94 P.), bei dem sich Frucht und feine Gerbstoffstruktur die Waage halten.

Auch der Halenberg von Emrich-Schönleber bestätigte, dass er zu den ganz großen Rieslingen Deutschlands gehört (96 P.). Der zweite Spitzenriesling des unteren Nahetals neben dem Höllenpfad ist das Pittermännchen von Caroline Diel (95 P.) und Gut Hermannsberg lenkte einmal mehr die Aufmerksamkeit auf die roten Böden des Alsenztals mit seinem Rotenberg (95 P.). Die Nahe steht wieder einmal für maximale Vielfalt auf kleinstem Raum.

Saar und Ruwer bleiben das Maß an der Mosel

Maximin Grünhaus und Van Volxem stehen auch in diesem Jahr an der Spitze des Mosel-Rankings. Wie 2016 brillierte die Familie von Schubert mit ihrem Abtsberg (96 P.), wobei auch der expressive Herrenberg (94 P.) mit viel Frucht und Gewürznoten und der frische straffe Brudersberg (93 P.) in ihren Rollen überzeugten.

Aus der Weltklasse-Kollektion Van Volxems ragen 2018 der Scharzhofberger Perkentsknopp und der Bockstein ein Stück heraus (je 96 P.), gefolgt von drei weiteren Riesling-GGs mit 95 Punkten. Die Kollektion ist erneut outstanding, aber etwas stoffiger, großzügiger und weniger vibrierend als 2017. Auch von Othegraven hat 2018 einen grandiosen Bockstein auf die Flasche gebracht, in unseren Augen der beste „Jauch-Wein“ bis dato.

Die spannungsvollsten GGs der eigentlichen Mosel hat wieder einmal Thomas Haag mit Schloss Lieser vorgestellt, vorausgesetzt, man steht mit flintigen Reduktionsnoten nicht auf Kriegsfuß. Goldtröpfchen und Juffer-Sonnenuhr (je 95 P.) haben in diesem Jahr etwas mehr Balance und Feinheit als der noch etwas ungestüm wilde Niederberg Helden (94 P.). Lieser duelliert sich wie immer mit Fritz Haag mit seiner geschliffen klaren Handschrift. Auch bei ihm ist die Juffer-Sonnenuhr besonders gelungen (95 P.), knapp vor Juffer (94 P.). Ganz im Norden, an der Terrassen-Mosel hat Heymann-Löwenstein in diesem Jahr mit Knebel einen gleichwertigen „Gegner“ gefunden. Während wir Matthias Knebels Uhlen als Weltklasse einstuften, empfanden wir Reinhard Löwensteins Stolzenberg als den gelungensten Riesling der 2018er GG-Range, knapp vor „Blaufüßer Lay“ und „Laubach“ (je 94 P.). Löwenstein wie gewohnt offen, würzig, großzügig und mit klassischer Sponti-Würze, Knebel etwas geschliffener, „moderner“, auch mit Reduktionsnoten.

Pfalz solide

Der 2018er erwies sich wie befürchtet nicht als der ideale Jahrgang für Forst und Deidesheim. Die ausdrucksvollsten, vor allem spannungsvollsten Pfälzer Rieslinge sind 2018 überwiegend auf kalkreichen Böden gewachsen. An der Spitze steht Steffen Christmanns Idig (96 P.), gefolgt von Philipp Kuhns Schwarzem Herrgott, Boris Kranz’ Kalmit, Christmanns Reiterpfad-Hofstück sowie dem Kirchenstück von Bassermann-Jordan, dem einzigen Forster unter den Weltklasse-Pfälzern. Natürlich immer mit der Einschränkung, dass auch in der Pfalz einige Weingüter ihren Riesling-GGs ein Jahr zusätzliche Reifezeit zugestehen (siehe unten).

Das Feld der 94-Punkte-Weine ist wie von der Pfalz gewohnt weit aufgefächert, darunter zwei sehr überzeugende Saumagen von Steffen und Andreas Rings und Kuhn, Christmanns Mandelgarten-Meerspinne sowie Pechstein, Hohenmorgen und Grainhügel von Bassermann-Jordan. Das Deidesheimer Traditionsweingut hat in der Breite wieder eine sehr überzeugende Kollektion präsentiert, darunter einige Weine, die mit großer Sicherheit grandios reifen werden. Der äußerste Süden der Pfalz mit Rebholz und Dr. Wehrheim hat wieder einmal die Meinungen gespalten. Für einige sind Kastanienbusch und Co. mit ihrer präzisen, leicht schotig-pyrazinigen Frucht die besten GGs der Pfalz. In unseren Augen hatten die 2017er mehr Komplexität und mineralischen Ausdruck, auch etwas mehr feine Gerbstoffe, die wir 2018 etwas vermissten. Darum „nur“ zweimal 94 Punkte für Hansjörg Rebholz’ „Ganzhorn“ und Kastanienbusch.

Rheingau

Dirk Würz sprach im Zusammenhang mit dem Rheingau bereits vor der Verkostung in Wiesbaden „vom Jahr der Klassiker“. Und er sollte Recht behalten. Unter den 2018ern erreichten Schloss Johannisberg und Gräfenberg die größte Balance und Komplexität (94 P.), Schloss Vollrads Schlossberg nur einen Tick dahinter. Von Oetingers Marcobrunn gehört ebenfalls zur Riege der Top-Rheingauer (94 P.), genauso wie August Kesselers glasklarer, brillant-frischer Seligmacher aus Lorch, dem wachgeküssten nördlichsten Zipfel des Rheingaus. In Summe eher ein Jahr der kühleren Lagen und definitiv kein Jahrgang für das trocken-heiße Rüdesheim. Doch keine Regel ohne Ausnahme: Unser höchstbewerteter Wein aus dem Rheingau ist der Berg Rottland von Balthasar Ress. Wir schreiben bewusst Wein, denn mit einem klassischen Rheingau-Riesling hat das nichts zu tun. Stilistisch ist der Rottland irgendwo zwischen Jura und Chenin blanc von der Loire einzusortieren. Aber einfach ein großartiger Wein, darum konnten wir nicht anders, als 95 Punkte zu vergeben.

Württemberg und Franken können auch Riesling

Schon allein quantitativ immer etwas im Schatten der Rieslinghochburgen werden Württemberg und Franken oft etwas vernachlässigt. Vollkommen zu Unrecht. Dass Christian Dautels Steingrüben mit feiner, geschliffener Reduktion und kalkigem Grip und Ludwig Knolls filigraner, unbändig mineralischer Stein zu den höchstbewerten Weinen gehören, ist beinahe Normalität. Dass sich Rudolf Fürsts Centgrafenberg in diese Reihe gesellt ist zumindest beim Riesling nicht alltäglich. Knapp dahinter folgen zweimal Aldinger sowie Weltner und Luckert. Alle hier genannten Weine definieren sich nicht über Fruchtigkeit oder Opulenz. Im Vordergrund stehen Frische, mineralischer Ausdruck und sehr oft auch eine griffig-kalkige Textur. Wer Eleganz sucht, ist hier gut aufgehoben.

Unbedingte Kaufempfehlung 2017

Auch wenn viele 2018er sehr gelungen sind, bleibt 2017 der unbestritten größere Jahrgang. Das gilt beim Riesling insbesondere für die Mosel (Ausnahme Maximin Grünhaus) und die Pfalz, bei Weiß- und Grauburgunder uneingeschränkt für alle Gebiete. Da immer mehr VDP-Betriebe auch ihre Weißweine mit einem Jahr Verzögerung auf den Markt bringen, ist die Auswahl an hervorragenden 2017ern groß. Reiterpfad Hofstück und Pechstein von Reichsrat von Buhl sowie Hermannsberg von Gut Hermannsberg zählen mit 96 Punkten zu den allerbesten Rieslingen des Ausnahmejahrgangs 2017. Die Von-Buhl-GGs zeigen deutlich weniger BSA-Noten als im Jahrgang 2016 (aufgrund der deutlich geringeren Apfelsäure im Vergleich zu 2016) und wirken dadurch eleganter, balancierter. Ähnliches gilt im Grunde für Hermannsberg, der sich vertikal, mineralisch und mit perfekter Frucht-Säurebalance präsentierte.

Mit 95 Punkte immer noch auf Weltklasseniveau bewegen sich Bastei von Gut Hermannsberg sowie im Rheingau Jungfer und St. Nikolaus mit Peter-Bernhard Kühns typischer Handschrift ohne Rücksicht auf Moden und Konventionen, dafür mit viel Seele. Einen Tick darunter Kühns Doosberg und der Greifenberg von Schloss Vollrads, der in diesem Jahr seine mehr als gelungene Premiere feiert, allerdings auch eine hohe Gerbstofftoleranz einfordert.

Pechstein von Dr. Bürklin-Wolf und Kirchenstück von Buhl haben sich ebenfalls 95 Punkte verdient, sind nur einen Tick üppiger, konzentrierter und expressiver als die beiden topbewerteten Buhl-GGs. Wer diese Fülle und Großzügigkeit vorzieht, kann die Punktzahlen also durchaus auch umdrehen.

Sascha Speicher

 

Die 20 Riesling-Überflieger:

2018 Riesling

97 Stromberg, Schäfer-Fröhlich; Nahe

97 Brunnenhäuschen "Abts E", Keller; Rheinhessen

96 Brücke, Dönnhoff; Nahe

96 Hermannshöhle, Dönnhoff; Nahe

96 Felseneck, Schäfer-Fröhlich; Nahe

96 Frühlingsplätzchen, Schäfer-Fröhlich; Nahe

96 Halenberg, Emrich-Schönleber; Nahe

96 Halenberg, Schäfer-Fröhlich; Nahe

96 Rothenberg, Gunderloch; Rheinhessen

96 Rothenberg "wurzelecht", Kühling-Gillot; Rheinhessen

96 Brunnenhäuschen, Wittmann; Rheinhessen

96 Morstein, Wittmann; Rheinhessen

96 Zellerweg am Schwarzen Herrgott, Battenfeld Spanier; Rheinhessen

96 Abtsberg, Maximin Grünhaus - von Schubert; Mosel

96 Scharzhofberger Perkentsknopp, van Volxem; Mosel

96 Bockstein, van Volxem; Mosel

96 Idig, A. Christmann; Pfalz

2017 Riesling

96 Hermannsberg, Gut Hermannsberg; Nahe

96 Reiterpfad-Hofstück, Reichsrat von Buhl; Pfalz

96 Pechstein, Reichsrat von Buhl; Pfalz

 

Die 12 Weißwein-Highlights von Chardonnay bis Weißburgunder

95 2017 Bienenberg Chardonnay, Bernhard Huber; Baden

94 2016 Kirchberg Weißer Burgunder, Salwey; Baden

93 2016 Henkenberg Grauer Burgunder, Salwey; Baden

93 2017 Stein Silvaner, Juliusspital Würzburg; Baden

93 2017 Gips Marienglas Weißer Burgunder, Aldinger; Württemberg

93 2017 Lämmler Grauer Burgunder, Rainer Schnaitmann; Württemberg

93 2017 Winklerberg Hinter Winklen "Gras im Ofen" Grauer Burgunder, Dr. Heger; Baden

93 2017 Kirchberg Chardonnay, Franz Keller; Baden

93 2017 Hinter Winklen "Gras im Ofen“ 2017 Chardonnay, Dr. Heger; Baden

93 2018 Kalmit Weißer Burgunder, Kranz; Pfalz

93 2018 Stein Silvaner, Am Stein, Ludwig Knoll; Franken

93 2018 Maustal Silvaner, Zehnthof Luckert; Franken

 

„Pinots Eleven“ – die besten Spätburgunder

96 2017 Bienenberg Wildenstein, Bernhard Huber; Baden

95 2017 Schlossberg, Bernhard Huber; Baden

94 2017 Bienenberg, Bernhard Huber; Baden

94 2017 Kirchberg, Franz Keller; Baden

94 2017 Henkenberg, Salwey; Baden

94 2017 Saumagen, Rings; Pfalz

94 2017 Idig, A. Christmann; Pfalz

94 2017 Bischofsberg, Steintal (Benedikt Baltes); Franken

94 2017 Hundsrück, Rudolf Fürst; Franken

94 2016 Kirschgarten, Philipp Kuhn; Pfalz

94 2016 Heydenreich, Friedrich Becker; Pfalz

 

Das Lemberger-Trio

94 2017 Lämmler, Rainer Schnaitmann

93 2017 Lämmler, Aldinger

93 2017 Mönchberg "Gehrnhalde", Karl Haidle

 

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