Kein Süd-Nord-Gefälle bei den GGs

Mittwoch, 26. August 2020 - 16:30
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Top-Organisation unter erschwerten Bedingungen: Der VDP meisterte die Herausforderung der GG-Vorpremiere bestens (Foto: © VDP by Peter Bender)

Selten war ein Fazit so schwierig wie 2019. Selten war das Bild so heterogen, die Meinungen so unterschiedlich. Die herausragenden Riesling-Kollektionen verteilen sich über das ganze Land. Einige Hypothesen, die man im Vorfeld aufstellen konnte, erfüllten sich nicht.

Eine Hypothese lautete: Der Süden, also ab Rheinhessen abwärts, als Gewinner des Jahrgangs 2019, weil die Ernte der trockenen Weine in den großen Lagen vor dem Einsetzen des Regens Ende September über die Bühne ging, während der Norden unter dem andauernd unbeständigen, nassen Herbstwetter zu leiden hatte.

Unterschätzt wurden bei dieser Annahme wohl die Folgen der anhaltenden Trockenheit. Fakt ist: Richtig groß sind im Süden (fast) nur die Weine von kalkreichen Lagen mit guter Wasserspeicherkapazität. Das gilt für die Kalkzunge von Westhofen bis ins Zellertal, für die kalkreichen Pfälzer Spitzenlagen wie Saumagen, Herrgott und Idig, für den Kalkmergel von Stuttgart bis ins Remstal, oder für Pettental mit seinem Tonschiefer (kein Kalk, aber Ton mit dem gleichen Effekt). Die Ausnahmen von dieser Regel liefern die Rieslinge von Dr. Bürklin-Wolf.

So ist es sicher kein Zufall, dass mit Philipp Wittmann einem Winzer die beste Riesling-Kollektion Deutschlands gelang, der in Sachen kalkreiche Spitzenlagen aus dem Vollen schöpfen kann.

In den nördlichen Anbaugebieten gelang es insbesondere Schloss Lieser, Van Volxem (umstritten), Schäfer-Fröhlich und Dönnhoff, dem unfreundlichen Herbst großartige Weine abzuringen.

Doch der Reihe nach.

Pfalz

Das Anbaugebiet mit den meisten GGs. Einem Weingut gelang es, mit Riesling, Weißburgunder und Spätburgunder zu überzeugen: Rings. Beide Pinots – Felsenberg und Saumagen – stehen zusammen mit dem Idig von Christmann ganz an der Spitze (jeweils 94 Punkte). Alle drei Weine sind grundverschieden. Idig frisch, leichtfüßig, mit großer Elegenz, voll auf Frische setzend, Felsenberg mit zarter, feiner Anmutung, dem nur aufgrund der Jugend der Reben noch die letzte Tiefe fehlt, und der kraftvolle, dichte, dunkel-würzige, aber deutlich erschlankte und damit energiereichere Saumagen.

Bei den Rieslingen steht der Idig über allen anderen Pfälzern. Dahinter folgen der Saumagen von Rings und der Hohenmorgen von Dr. Bürklin-Wolf, die mit zwei weiteren Rieslingen mit 95 Punkten (Langenmorgen und Ungeheuer) und zweimal 94 Punkten (Gaisböhl und Pechstein) die stärkste Riesling-Kollektion präsentierten. Auf Augenhöhe Philipp Kuhn (zweimal 95 Punkte für den Schwarzen Herrgott und Saumagen), Christmann (zusätzlich 95 Punkte für „Meerspinne“ und 94 für „Hofstück“), dicht gefolgt von den Südpfälzer Weingütern Rebholz (95 „Ganz Horn“, 94 Kastanienbusch), Kranz (95 Kalmit, 94 Kirchberg) und Dr. Wehrheim (95 Kastanienbusch, 93 „Köppel“).

Unter den aufgezählten Spitzenrieslingen sind auffallend wenige Forster Lagen vertreten. Fast alles keine schlechten Weine, denen jedoch die Feinheit und Spannung fehlte. Reichsrat von Buhl zeigte ausschließlich 2018er GGs, von denen nur das Kirchenstück ganz in der Spitze mithalten konnte. Kein Einzelfall. Es war im Vorfeld so zu erwarten, dass die 2018er neben den 2019er Rieslingen keine gute Figur abgeben würden. Nur im Rheingau stehen die besten 2018er über den besten 2019ern.

Rheingau

Von den 16 Weinen aus dem Rheingau, die mit 93 bis 95 Punkten bewertet wurden, stammen sieben aus dem Jahrgang 2018. Das ist eine auffallend hohe Quote, darunter zudem beide mit 95 Punkten bewerteten Rieslinge (Lenchen und Jungfer von Peter Jakob Kühn). Die beiden besten 2019er (je 94 Punkte) haben Robert Weil und Künstler (Berg Schlossberg) vorgestellt. Generell wurden die Weine aus dem Rheingau von vielen Verkostern sehr kritisch beurteilt. Tatsächlich fehlte es in einigen Fällen an Klarheit und Tiefe, auch Botrytis oder Bittertöne störten hier und da das Gesamtbild. Unter dem Strich war der Rheingau sicher kein Gewinner in der Wetterlotterie 2019.

Mosel-Saar-Ruwer

Das gilt auch für Mosel, Saar und Ruwer, wo der Regen während der Lese die Winzer vor große Herausforderungen stellte. Erstaunlich, wie gut es einigen Weingütern dennoch gelungen ist, eine herausragende Kollektion an Großen Gewächsen abzufüllen. Allen voran und zumindest in unserem Team vollkommen unumstritten Schloss Lieser mit zweimal 96 Punkten für Niederberg-Helden und Juffer-Sonnenuhr. Für die Redaktionen Sommelier und Weinwelt folgt mit Van Volxen (zweimal 96 Punkte für Scharzhofberg und „Pergentsknopp“) ein Betrieb von der Saar annähernd auf dem gleichen Niveau, nicht in Punkten, sondern nur in Nuancen knapp dahinter. Eine Einschätzung, die beispielsweise von WEINWIRTSCHAFT nicht geteilt wird. Einigkeit herrschte wiederum bei der hervorragenden Einstufung der Kollektion von Fritz Haag. Diese positiven Beispiele ändern nichts daran, dass es an Mosel, Saar und Ruwer ähnlich wie im Rheingau auch zahlreiche Ausreißer nach unten gab. Unsaubere, dumpfe, belegte Weine auf der einen Seite und – fast noch schlimmer – einige Riesling-GGs, die an süß-saure Gummibärchen-Limo-Aromen erinnerten.

Rheinhessen

Bei den rheinhessischen Weinen wurde in Wiesbaden vor allem über eines diskutiert: Säure. Nach unserer Ansicht bewegte sich diese im Rahmen. Da einige Weine etwas karger und vielleicht auch trockener ausgebaut waren, rückte die Säure sensorisch vielleicht etwas stärker in den Vordergrund. Wer diesen Balanceakt von allen deutschen Winzern am besten beherrschte, ist Philipp Wittmann. Die feinste, spannungsreichste Aulerde aller Zeiten, ein brillantes Brünnenhäuschen und mit dem Morstein einer der drei besten Rieslinge des Jahres. In Zahlen: Zweimal 96, einmal 97 Punkte. Hut ab.

Wer es pikant, filigran und gerne auch ein wenig karg liebt, ist auch 2019 bei Gunderloch am besten aufgehoben (96 Punkte für Rothenberg und Hipping sowie 95 für Pettenthal). Keller zeigt wie üblich nur einen Riesling und der war wie immer brillant (Morstein, 96 Punkte), sowie einen Pinot. Der Bürgel ist hausintern zwar nur die Nummer drei oder vier, zählt mit 95 Punkten jedoch zu den besten Pinots der Verkostung, auch wenn er mit seiner feinen Wildheit und positiven Handwerklichkeit etwas polarisierte.

Für Handschrift stehen drei weitere Betriebe: Kühling-Gillot, Battenfeld-Spanier und Schätzel. Während Schätzel mit den 2019ern in Sachen Wildheit erfreulicherweise in das solide, bewertbare Spektrum an Handschriften zurückruderte, lehnte sich Kühling-Gillot relativ weit aus dem Fenster. Die Weine sind eine Gratwanderung, können sich mit etwas Flaschenreife zu großen Weinen entwickeln. Das gilt besonders für Pettenthal (96 Punkte) und wird sehr spannend zu beobachten sein. Hans-Oliver Spanier weiß auf jeden Fall was er tut und so ist eher von einer erfreulichen Wendung auszugehen. Bis dahin sind die Battenfeld-Spanier-Weine, die sich in Wiesbaden zwar etwas verschlossen zeigten, aber dennoch ihre Klasse klar erkennen ließen, als Kollektion hinter Wittmann und Gunderloch auf Rang drei einzuordnen mit dreimal 95 Punkten für alle drei Rieslinge. Souveräne Leistung.

Nahe

Aufgrund der Bedingungen im Herbst 2019 sind die Riesling-Größen der Nahe ausnahmsweise einmal nicht in der Favoritenrolle ins Rennen gegangen. Schäfer-Fröhlich und Dönnhoff zeigten sich davon jedoch ziemlich unbeeindruckt. Tim Fröhlichs Stromberg zählt mit 97 Punkten zu den besten Weinen des Jahrgangs, dazu noch zweimal 96 Punkte für Halenberg und Felsenberg sowie 95 Punkte für Felseneck und Frühlingsplätzchen. Als Kollektion absolut herausragend, allenfalls einen Tick hinter Wittmann einzuordnen, weil es Wittmann in diesem Jahr gelungen ist, seinen Rieslingen noch eine Spur mehr Facetten und Komplexität zu verleihen.

Knapp hinter Schäfer-Fröhlich stellte Dönnhoff die zweite herausragende 2019er GG-Kollektion der Nahe vor, mit der Brücke und dem Höllenpfad als Speerspitzen. Etwas aus der Vergleichbarkeit fällt Gut Hermannsberg, weil deren grandiosesten Weine aus 2018 stammten: Hermannsberg mit 96 Puntken, damit der beste aller 2018er Rieslinge, die in diesem Jahr in Wiesbaden gezeigt wurden, und Bastei mit 95 Punkten. Ähnliches gilt für das Schlossgut Diel (je 95 Punkte für 2019 Pittermännchen und 2018 Burgberg). Mit anderen Worten: Die Spitzenbetriebe der Nahe haben die Herausforderungen der Natur mit Bravour bestanden.

Württemberg

Dautel, Aldinger, Schnaitmann – drei Weingüter, drei Riesling-Handschriften. Was sich als roter Faden durchzieht, ist die Straffheit und die kalkige Textur der Weine, verbunden mit einer leichten Reduktion. Rainer Schnaitmann hat sich – jedoch stilsicher – ein Stück in die „naturale“ Richtung bewegt, während Aldinger mit Marienglas eine noch puristischere, mutigere, aber auch polarisierendere Richtung eingeschlagen hat. Aldinger hat auch einmal mehr seine beeindruckende Vielseitigkeit unter Beweis gestellt. Straffe, komplexe Pinots aus den Lagen „Marienglas“ Gips und Lämmler und der bislang beste Lämmler Lemberger, den wir von Aldinger verkosten durften.

Die Einschätzung des Lembergers beruht jedoch zum Teil auf der Verkostung, die wir für die Ausgabe 3/2020 von meiningers sommelier Anfang August durchgeführt haben. Bei dieser Probe zeigten viele Lemberger, welche positive Entwicklung die Sorte im Württemberg genommen hat. Den Eindruck konnten die Weine am Sonntag in Wiesbaden leider nicht bestätigen. Lag es an der sehr kühlen Temperatur der Weine in Verbindung mit dem Glas oder am Mond? Oder war es schlicht und einfach eine ungünstige Phase, wenige Wochen nach der Füllung? Jedenfalls sind die besten Lemberger weit spannungsreicher, als sie sich an diesem Tag präsentierten.

Reduktionswelle abgeschwächt

Natürlich gibt es weiterhin viele Weine mit moderaten Reduktionsnoten. Und das ist gut so, wer will heute noch glattgeschönte Weine. Doch die Reduktion, aktiv als Stilmittel eingesetzt, ist deutlich zurückgegangen. Auch das ist gut so, denn in vielen Fällen erwiesen sich speziell die Hefereduktionen als Überraschungspaket. Viele Winzer – und deren Kunden – haben in den vergangenen Jahren die eine oder andere unliebsame Überraschung erlebt. Mit kitschigen exotischen Fruchtnoten, die nach einem halben Jahr anstelle der Reduktion die Aromatik prägten. Was bleibt, sind edle flintig-schiefrige oder kalkige Reduktionsnoten, die in aller Regel das Aromenspektrum des Weins bereichern. Das gilt für Stromberg von Schäfer-Fröhlich, Steingrüben von Dautel, Niederberg-Helden von Schloss Lieser oder Saumagen von Rings, um nur vier Beispiele zu nennen.

Baden: Trio voraus

Chardonnay, Weiß- und Grauburgunder sowie Spätburgunder. Den badischen Weißweinen widmet sich meiningers sommelier in Ausgabe 3/2020 in aller Ausführlichkeit. Darum hier nur in aller Kürze: Bei Weiß- und Grauburgunder setzt Salwey mit seinen drei volle Winter auf der Hefe gereiften 2017ern neue Maßstäbe, bei Chardonnay ist und bleibt Huber das Maß aller Dinge. Auch Keller mit dem Kirchberg und Dr. Heger mit „Gras im Ofen“ haben in 2018 den Beweis angetreten, dass Chardonnay eine Antwort auf den Klimawandel ist. Es wird höchste Zeit, dass diese Sorte auch in anderen Regionen als GG zugelassen wird.  Bei den Spätburgundern liefern sich Keller, Salwey und Huber ein sportliches Duell auf höchstem Niveau. Jeder der drei mit dickem Ausrufezeichen (Huber Wildenstein, Keller Eichberg, Salwey Kirchberg) und weiteren grandiosen Pinots ganz knapp dahinter.

Zusammen gelingt es ihnen, den Kaiserstuhl wieder zum Hotspot der Pinotszene zu machen, wenngleich speziell die Pfalz und Rheinhessen ebenfalls ihre positive Entwicklung bestätigen konnten. Dazu J.J. Adeneuer mit der auf Schieferboden maximal möglichen Eleganz und Fürst mit einem hocheleganten Hundsrück.

Franken

Apropos Franken: Die kräftigere, weiche Stilistik des warmen Jahrgangs 2018 spielte den länger gereiften Silvanern (acht von 21 Weinen) aus unserer Sicht nicht in die Karten. Bis auf die beiden Vertreter von Bickel-Stumpf (Rothlauf und Mönchshof) und den Julius-Echter-Berg vom Juliusspital zeigten sich alle 2018er entweder sehr offen, reif und süßlich-breit oder grünlich-krautig-schotig (was einen sehr frühen Lesezeitpunkt als Reaktion auf den heißen Sommer 2018 vermuten lässt). Bei den 2019ern gab es gelungenere Silvaner und höhere Bewertungen. An der Spitze stehen in diesem Jahr Ludwig Knolls Stettener Stein und der Maustal vom Zehnthof Luckert mit je 93 Punkten. Zwei Weine, die sich stilistisch sehr unterschiedlich präsentierten: Der Stein mit rustikaler zitrischer Würze, kandiertem Ingwer, Grapefruit, viel Hefe und floral-kräutrigen Noten. Ein vertikaler Typ mit fester Mineraliät, der Luft braucht. Ganz anders Luckerts Maustal: offener, wärmer und mit dunkler, erdig-malziger Würze sowie Aromen von Getreidefeld, kandierten Zitruszesten, Senfkörnern und Kräutertee mit Honig. Eine super Balance am Gaumen, eher soft mit schöner Tiefe und Länge.

Bei den Rieslingen liegt interessanterweise das gleiche Pärchen vorne: Das Weingut am Stein brillierte erneut und konnte erstmals eine 95-Punkte-Bewertung nach Franken holen. Der karge Muschelkalk des Stettener Steins liefert im Zusammenspiel mit der Sorte ein ungemein pikantes, definiertes und straffes GG für die Langstrecke. Dicht dahinter der Maustal-Riesling, wieder mit ganz anderer Handschrift: eine eher offen-oxidative Art, Ovomaltine, Tonkabohne, Bratapfel, dunkle Kräuterwürze und sehr feiner Holzeinsatz riefen einem förmlich die Eignung als Speisebegleiter entgegen (94 Punkte). Erneut sehr hochklassig und elegant wirkte das Riesling-GG der Rotwein-Spezialisten Paul und Sebastian Fürst aus dem Centgrafenberg (93).

 

2019 Riesling GG

97

Morstein, Wittmann

Stromberg, Schäfer-Fröhlich

Idig, A. Christmann

 

96

Höllenpfad Im Mühlenberg, H. Dönnhoff

Hermannsberg (2018), Gut Hermannsberg

Brücke, H. Dönnhoff

Felsenberg, Schäfer-Fröhlich

Halenberg, Schäfer-Fröhlich

Niederberg Helden, Schloss Lieser - Thomas Haag

Juffer-Sonnenuhr, Schloss Lieser - Thomas Haag

Scharzhofberger, van Volxem

Scharzhofberger "Pergentsknopp", van Volxem

Rothenberg, Gunderloch

Pettenthal, Kühling-Gillot

Hipping, Gunderloch

Aulerde , Wittmann

Brunnenhäuschen, Wittmann

Morstein, Keller

Saumagen, Rings

Hohenmorgen, Dr. Bürklin-Wolf

 

 

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