Ein manischer Riesling-GG-Jahrgang

Mittwoch, 26. August 2015 - 14:45
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Weinwelt
In Wiesbaden wurden viele Erwartungen bestätigt. (Foto: MEININGERS SOMMELIER)

Die Spannung war groß vor der Verkostung der Großen Gewächse aus 2014. Um es vorweg zu nehmen: In Wiesbaden wurden viele Erwartungen bestätigt. Die Pfalz ragt heraus. Württemberg als Shootingstar. Doch auch im 2014 benachteiligten Norden ist einer ganzen Reihe von Betrieben Erstaunliches gelungen. Was diesen Jahrgang wohl am stärksten kennzeichnet sind drastische Qualitätsschwankungen, auch innerhalb der Riesling-Palette einzelner Weingüter.

Der Reihe nach: Die Mosel zeigte das erwartet heterogene Bild. Die ungleiche Verteilung der massiven Niederschläge hinterließ natürlich ihre Spuren im Wein. So gelangen Fritz Haag (Juffer-Sonnenuhr 93 Punkte) und Reinhold Haart (Goldtröpfchen 93 Punkte) jeweils ein herausragender Riesling, während der zweite deutlich abfiel. Auch bei Heymann-Löwenstein (Röttgen 93 Punkte) und von Kesselstatt (Nieschen 92 Punkte) ragte ein Riesling deutlich aus der Range heraus. Die eindeutig beste Kollektion stellte das Weingut Peter Lauer (genialer Ayler Kupp mit 94 Punkten) vor (mehr dazu in der Mosel-Reportage von meiningers sommelier 3/2015). Auch Clemens Busch zeigte Konstanz auf hohem Niveau.

Auch für die Nahe war der Jahrgang 2014 definitiv eine Herausforderung. Auch hier prägen große qualitative Schwankungen innerhalb der Sortimente das Bild. Im Schnitt liegen die Bewertungen um ein bis zwei Punkte unter den letzten Jahrgängen, allerdings absolut gesehen immer noch auf Augenhöhe mit der in diesem Jahr herausragenden Pfalz. An der Spitze (wie gewohnt) Schäfer-Fröhlich (Halenberg, Frühlingsplätzchen 95 Punkte, Stromberg, Felseneck 94 Punkte), allerdings nicht ganz so strahlend wie 2013. Bei Diel ragte das Goldloch heraus (94 Punkte), bei Dönnhoff die Hermannshöhle (93 Punkte), bei Prinz Salm der Felseneck (93 Punkte), bei Emrich-Schönleber mit leichter Einschränkung der Halenberg (92 Punkte). Gerade von Emrich-Schönleber hatten wir aufgrund der exzellenten Eindrücke im Guts- und Ortsweinbereich von der Mainzer Weinbörse etwas mehr erwartet. Stark auf konstant hohem Level zeigte sich Joh. Bapt. Schäfer (Goldloch 93, Pittermännchen 92 Punkte), damit vielleicht insgeheim der Gewinner des Jahres.

Rheinhessen gab uns Rätsel auf. Viele kantige, sperrige, aber auch im positiven Sinn puristische Weine. Dazu gesellten sich einige wilde Experimente. Grundsätzlich eine erfreuliche Entwicklung. Noch vor zwei Jahren stand bei jedem zweiten Riesling aus Rheinhessen „balsamische Würze, üppige gelbe Frucht“, das ist Vergangenheit. 2015 wird voraussichtlich zeigen, ob diese Entwicklung von Dauer ist. Die herausragenden Weine sind in diesem Jahr Hubacker von Keller (94 Punkte) und Brunnenhäuschen von Wittmann (94 Punkte). Wittmann stellte auch wie üblich die beste Kollektion (Kirchspiel und Morstein je 93 Punkte). Auch Battenfeld-Spanier (Kirchenstück und Frauenberg je 93 Punkte), Wagner-Stempel (Heerkretz 93 Punkte), Kühling-Gillot (Pettenthal 93 Punkte) und Gunderloch (Rothenberg 93 Punkte) setzten Highlights.

Zur Pfalz: Speziell die Mittelhaardt, wo die Reife des Rieslings genau in die Schönwetter-Periode vom 1. bis 5. Oktober fiel, glänzt wie lange nicht. Zwei Erzeuger ragen in diesem Jahr heraus: Von Buhl (95 Punkte Jesuitengarten, dazu Pechstein und Ungeheuer mit 94 Punkten) und Christmann, der die spannendste Kollektion seit vielen Jahren abgefüllt hat (Idig 95 Punkte, Langenmorgen 94 Punkte, Mandelgarten und Reiterpfad Hofstück mit 93 Punkten). Dahinter folgen Dr. Bürklin-Wolf (Pechstein und Ungeheuer je 94 Punkte, Langenmorgen 93 Punkte), von Winning (Pechstein 94 Punkte, Ungeheuer und Kirchenstück je 93 Punkte) und Bassermann-Jordan (Ungeheuer und Hohenmorgen 94 Punkte). Noch ein Wort zu von Winning: Stephan Attmann und sein Team waren zwar nicht die ersten, die neuere Holzfässer beim Riesling einsetzten. Sie waren aber die ersten, die konsequent und gekonnt einen Teil der Weine in Barriques und vor allem Tonneaus ausgebaut haben. Das hat tatsächlich ein Stück weit die Rieslingwelt Deutschlands verändert, den Horizont erweitert. Heute arbeiten in so gut wie allen Anbaugebieten einige Erzeuger sehr gekonnt mit neueren Fässern (bestes Beispiel Seeger in Baden). Bei von Winning erscheint der verdiente Erfolg der Weine und die damit verbundene Nachfrage derzeit ein wenig als Problem: Man hat den Eindruck, dass Süße und exotische Fruchtnoten deutlich zugenommen haben, obwohl die GGs nach Aussage von Attmann seit 2011 zu 100 Prozent im Holz ausgebaut werden. Aber umso mehr Leuten gefällt der Stil. So what.

Im Norden der Pfalz hat Philipp Kuhn sein Sortiment um Parzellen in Top-Lagen wie Saumagen und Schwarzer Herrgott  bereichert (beide 93 Punkte). Ein geschickter Schachzug, denn diese beiden markanten Kalklagen besitzen mehr Charakter als die Laumersheimer Lagen. Die Südpfalz konnte im direkten Vergleich nicht ganz mithalten, wenn auch gegenüber dem Vorjahr verbessert. Viele Weine zeigten leicht grüne, schotige Noten, was manchmal sogar leicht in die Sauvignon-Richtung tendierte. Der beste Südpfalz-Riesling ist der Kastanienbusch „Köppel“ (93 Punkte) von Dr. Wehrheim, gefolgt vom Kastanienbusch von Rebholz, Kalmit von Kranz und Schäwer von Theo Minges (je 92 Punkte).

Der eigentliche Gewinner des Jahrgangs ist aber Württemberg. Das einzige Anbaugebiet, das „besser denn je“ über seinen Riesling-Jahrgang 2014 schreiben kann. Der herausragende Wein ist der Sonnenberg von Ernst Dautel (94 Punkte), gefolgt von einer Riege von Weinen mit 93 Punkten (Glaukós von Wachtstetter, Gips von Aldinger, Lämmler von Schnaitmann und Pulvermächer von Beurer). Viele Rieslinge aus Württemberg überzeugten mit klarer, kühler Würze, oft kreidig-kalkiger Textur und Engmaschigkeit.

Fehlt nur noch der Rheingau, der wie alle Anbaugebiete im Norden nicht unbedingt vom Wettergott begünstigt war. Das erreichte Niveau unter diesen Vorzeichen bestätigt den deutlichen Aufwärtstrend, auch wenn die Qualitäten ähnlich wie an Mosel und Nahe stark streuen. Unter den herausragenden Weinen findet man auch einige im Holz ausgebaute Rieslinge, bestes Beispiel hierfür ist der St. Nikolaus von Spreitzer (94 Punkte). Ebenfalls 94 Punkte: Achim von Oetingers Marcobrunn. Dahinter folgen mit 93 Punkten Schloss Johannisberg und Berg Schlossberg von Geheimrat J. Wegeler. Dann eine ganze Reihe von Rieslingen mit 92 Punkten. Darunter unter anderem alle drei GGs des massiv verbesserten Weinguts Allendorf, zwei weitere Weine von Spreitzer (Rosengarten und Wisselbrunnen), der damit die Kollektion des Jahres im Rheingau stellt. Außerdem dreimal Berg Rottland von Balthasar Ress, Johannishof und Künstler, sowie Berg Schlossberg von Leitz und Gräfenberg von Weil.

Sascha Speicher

 

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