Das Fließband – Teil I

Donnerstag, 30. November 2017 - 11:30
Kolumne
Peter H. Müller

Das Rezept ist ein ebenso simples, wie effizientes. Ein besonderer Ort, dem ursprüngliche Einzigartigkeit innewohnt durch seine Lage, Architektur und Geschichte, ist die entscheidende Grundzutat. Entscheidend dafür, auf den Routenplänen der „Europa in 10 Tagen“-Touren des organisierten Verschleppens der Reisemafias dieses Planeten zu landen. Nun heißt es außenherum alles mit Busparkplätzen zu betonieren für die Konvois der klimatisierten Sardinenbüchsen. Somit können die Scharen der dort Abgeladenen sich in nervös umher gaffenden Grüppchen sammeln wie Erdmännchen. Vom Treffpunkt aus, wenn alle durchgezählt sind, folgen sie ferngesteuert mit dem Selfie-Stick in der Hand dem rosa Schirm an der Spitze der Gruppe ins Zentrum der Attraktion. Auf den ausgetretenen Pfaden der UNESCO-Erbschleicher schieben und drücken sich die Massen zähflüssig durch die engen Gässchen. Von deren Gebäuden prangern wahnwitzig verlockende Angebote auf Schildern in sämtlichen Sprachen, außer jener des Landes. Jedes zweite Haus ist ein Traditionsrestaurant mit regionaler und internationaler Küche. Es gibt also alles und von 14 bis 18 Uhr, das Doppelte von der Hälfte zum selben Preis. Für diejenigen, denen das zu aufwendig ist, steht neben dem Eingang ein Pommes-Automat. Jedes weitere Haus ist eine seit Generationen liebevoll geführte Familienboutique mit authentischer Handwerkskunst und Souvenirs der Region. Tatsächlich werden diese per Schiffscontainer aus der dritten Welt geliefert und von Menschen gefertigt, welche diesem Ort gewiss nie einen Besuch abstatten können werden. Einweg-Regenponchos werden, je nach Wetterlage, zu verschiedenen Kursen angeboten.

Das Mittagessen wird in Hunderterchargen serviert. Bitte Platz zu nehmen. Zu Trinken gibt es pro Person ein typisches Getränk der Einheimischen, natürlich verfeinert mit Aperol. Zu Essen gibt es irgendwas aus dem Kipper oder vom großen Blech, portioniert auf den Teller geklatscht, und einen Beilagensalat. Alles wird vor dem Servieren von der Küche – korrigierend darauf hinweisend, dass es gar kein richtiges Essen ist – mit Balsamico Creme durchgestrichen. Als Dessert freuen sich alle auf Paradies Creme mit Wurstaroma und Schokoperlen. Das soll nicht heißen, dass sie nach Wurst schmeckt, sondern, dass es Wurst ist, wonach sie schmeckt. Eigentlich schmeckt sie nach Kühlhaus. In geordneter Gruppendynamik geht ein jeder noch Kacken. Auf der Toilette steht ein lustiger Spruch, von dem ein jeder, der von ihr zurückkehrt, das Bedürfnis hat, ihn zu rezitieren. Wie im Kino, wenn nach der Werbung der Vorhang zugeht, einer von zehn sagen muss, dass der Film jetzt aus ist. Schallendes Gelächter.

Eine Stunde zur freien Verfügung im Getümmel der bezaubernden geschichtsträchtigen Stätte. Schlussendlich bleibt von der einstigen Schönheit dieses Ortes lediglich mehr etwas zu Erahnendes, wie das verborgene Antlitz der Pflastersteine unter der längst festgetretenen Schicht alter Kaugummis aus aller Herren Münder. Soweit, so beklemmend für Menschen, die wahrnehmen, anstatt sich mit Duckface und dem „All you can eat“-Flyer verteilenden Kellner in der ungewaschenen Uniform aus dem Kostümverleih instazugrammen. Zeit für den Check-in im Hotel.

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