Das Ende des Trinkens

Donnerstag, 30. November 2017 - 11:15
Kolumne
Sebastian Bordthäuser

Wenn wir früher zu meinen Großeltern nach Oldenburg fuhren, kam bei Ankunft erstmal eine Flasche Schnaps auf den Tisch. Klingt martialisch, oder? Dabei hat niemand in meiner Familie je ernsthaft getrunken, nicht mal Bier am Abend. Mein Großvater war norddeutscher, evangelischer Pfarrer calvinistischer Prägung. Doch wenn man zusammenkam, dann gab es erst mal einen Aquavit oder einen Ouzo. Forderte ich in der Pubertät mit tropfendem Zahn einen zweiten ein, verließ dies schon fast das Protokoll, denn es handelte sich um Schnaps, um Alkohol. Schaue ich mir heute Bilder von Parties an, als ich klein war, stehen die Tische immer voll mit Wein, Bier und Schnaps. Heute ist das anders. Und zwar überall. Fragt man heute Gäste im Restaurant, ob sie ein Glas Wein zu Mittag wünschen, kommt als Antwort mit leicht brüskiertem Unterton: „Danke, keinen Alkohol, es ist helllichter Tag!“ Als ob man nur Nachts trinken dürfe. Man fragt nach einem Glas Wein, und der Gast lehnt Alkohol ab. Es ist eine Zäsur durch das Volk gegangen. Und zwar schleichend.

Jeder von uns hat mittlerweile mitbekommen, dass sich das Konsumverhalten geändert hat. Früher betrat man ein Restaurant, trank ein Glas Champagner, etwas Weißwein zu den Vorspeisen und teilte sich eine Flasche Rotwein zum Hauptgang. Die Herren nahmen vielleicht noch einen Cognac zum Abschluss. Wohlweislich: Ich spreche von Mittags. Dass der Mittagswein gerettet werden muss, ist unter unzähligen Hashtags auf Instagram und Facebook nachzuverfolgen. Die Gründe, mittags nicht viel zu trinken, liegen auf der Hand und sind nicht Gegenstand dieser Kolumne. Es geht mir vielmehr um das langsame, flächendeckende Ausschleichen einer gepflegten Trinkkultur. Dies setzt sich fort, in allen Bereichen des Lebens, und nicht nur am Mittag. Nächtelang ausgehen war einmal, denn heute ist alles gesittet und reglementiert. Und wo früher akzeptable Bars oder Kneipen waren, sind heute Mutter-Kind-Cafes mit dem Namen „Zwerg und Riese“. Es wird alles gnadenlos durchgentrifiziert und infantilisiert. Selbst in einer Millionenstadt ist es Mittwochnacht um zwei nahezu unmöglich, noch auszugehen, um sich gepflegt zu betrinken. Da kann ich mit ’nem Taxi von Nachttanke zu Nachttanke fahren und Dosenbier kaufen, und das war’s dann. Dazu kommen die Verschärfungen im Arbeitsschutz. Sprich: eine massive Veränderung der Öffnungszeiten. Im Restaurant kleben zu bleiben, ist eine Unsitte. Aber wo soll ich danach denn hin? Selbst wenn ich am Samstagabend in eine Bar gehe, wird dort um zwei Uhr die letzte Runde ausgerufen. Es besteht oft gar nicht mehr die Chance, bis morgens um fünf etwas Gescheites zu trinken zu bekommen. Das muss man zu Hause machen, man hat ja eh den Keller voll. Daraus wird schleichend eine Privatsache, schließlich hat man es ja gemütlich daheim. Und 13 verschiedene Gin-Sorten. Das ist aber scheiße. Denn zu Hause kenne ich jeden. Man muss ausgehen. Sonst können wir alle einpacken.

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