Kompetenz statt Konventionen

Kolumne: Martin Kössler
Ausgabe: 
04
2015
Freitag, 6. November 2015 - 9:45
Kolumne

Martin KösslerImmer häufiger findet man in Publikationen den Begriff »Industrie 4.0«. Gemeint ist damit jene vierte industrielle Revolution – nach der Nutzung von Wasser und Dampfkraft Ende des 18. Jahrhunderts (1.), der Elektrizität und Mechanisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts (2.) und der elektronischen Informationstechnologie der 70er-Jahre (3.) –, die schon heute viele Bereiche unseres täglichen Lebens durchdringt: Die komplexe Vernetzung der Digitalisierung droht unzählige Produktionsprozesse nachhaltiger zu revolutionieren, als es die oben beschriebenen Innovationen vergangener Zeiten taten. Sollte uns dies nicht auch im Wein zu grundsätzlichen Gedanken anregen? Immerhin nährt ein kritischer Blick in die Sortimente und Weinkarten der Republik den Eindruck, dass wir nur zu oft mehr Schein als Sein verkaufen ...

Wir scheinen nicht wahrhaben zu wollen, dass die Vernetzung der Naturwissenschaften in der Önologie den Billig-Wein aus dem SB-Regal inzwischen so »gut« schmecken lassen wie den durchschnittlichen Winzerwein ab Hof. Damit hat aber der oberflächliche Geschmack als Qualitätskriterium ebenso ausgedient, wie Weinqualität über den Geruch zu definieren, wie es die bundesdeutsche Weinprüfung noch immer praktiziert. Unser Qualitätsparadigma ist zum Schnee von gestern geworden, weil sich Wissenschaft und Industrie seiner präzise zu bedienen wissen. Da kann es, wollen wir auch in Zukunft glaubwürdig agieren, im Wein nur noch um den Winzer und dessen Arbeit im Weinberg gehen.

Herbst. Zeit der Ernte. Entspannung und Befriedigung für jene Winzer, die nach einem Jahr harter Arbeit nun den Most im Keller blubbern hören. Viel Arbeit im Weinberg, wenig Arbeit im Keller. Der Charakter des Jahrgangs eröffnet sich ihnen erst allmählich. Kulturgut Wein. Auf der anderen Seite jene Winzer, die zu sicherer Agrarchemie greifen, um der Natur Paroli bieten zu können. Sie kennen ihre Böden so wenig wie ihre Reben und rütteln im Herbst ihre Trauben mit dem Vollernter ab. Sie müssen sich auf die Kellerwirtschaft verlassen, wissen schon vor der Ernte, wie ihr Wein nach der Gärung schmeckt. Wein als getränketechnologisches Erzeugnis.

Beide Seiten haben ihre Berechtigung. Ihr philosophischer Unterschied aber trennt praktisch den Anspruch von der Wirklichkeit im Glas. Ein Wein, der draußen im Weinberg entstanden ist, fühlt sich im Mund anders an als ein Wein, den die Kellerwirtschaft zu dem gemacht hat, was er ist. Der Klimawandel forciert diesen Unterschied. Er macht nicht nur die Betriebsgröße zum entscheidenden Qualitätsfaktor, sondern fordert die Winzer heraus, im Weinberg die Physiologie ihrer Reben, und damit die Qualität ihrer Weine, zu steuern. Diese neue Qualität von Winzer und Wein braucht andere Kriterien als Konventionen von gestern. Wenn wir nicht alle gemeinsam – Handel, schreibende Zunft und Sommellerie – die oberflächlich geschmäcklerische Beurteilung durch profunde Kompetenz ersetzen, die Qualität vom Weinberg bis ins Glas ursächlich verstehen und dies auch kompromisslos vertreten, werden wir die Jahrtausende alte Kultur des Weines irgendwann an die Macht der Industrie verlieren.

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