Jahrgang ohne Verlierer

Ausgabe: 
04
2017
Mittwoch, 30. August 2017 - 16:30
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Perfekter Service bei der GG-Verkostung in Wiesbaden

 

Anders als im Vorjahr, als die Nahe überragte, gibt es in diesem Jahr in allen bedeutenden Anbaugebieten exzellente Weine. Viel Licht, kaum Schatten, aber natürlich jede Menge Halbschatten.

Exakt 620 Große Gewächse, also trockene Weine aus VDP.Großen Lagen, kommen im September offiziell auf den Markt. Gut zwei Drittel davon standen von 20. bis 22. August in Wiesbaden zur Verkostung bereit. Davon wiederum fast zwei Drittel aus der besten Rebsorte aus deutschen Weinlanden, dem Riesling. Hier ist Deutschland wirklich Weltklasse und man hat das Gefühl, der Vorsprung wächst. Stolze 125 Rieslinge wurden mit 93 Punkten oder mehr bewertet. Alle diese Weine würden wir von meininger’s sommelier mit großem Vergnügen auf jeder Weinkarte ordern. Bei den anderen Rebsorten ist die Spitze dann doch deutlich schmaler. Elf Spätburgunder und fünf weitere Weißweine bewerteten wir ebenfalls mit 93 oder mehr Punkten. 

Zwei gute Riesling-Jahrgänge in Folge, wobei der 2016er noch einen Tick mehr Ausdruck zu haben scheint als der 2015er, gaben den Weingütern die Möglichkeit, an ihrem Profil zu feilen. Wein gleich Terroir plus Keller plus Handschrift. Und zwei davon, Terroir im Sinne des Lagencharakters und die stilprägende Handschrift des Winzers, kommen bei den Großen Gewächsen sehr deutlich zum Ausdruck. Der leise Trend, die großen, trockenen Rieslinge ein Jahr später, also erst knapp zwei Jahre nach der Ernte, auf den Markt zu bringen, setzt sich fort. Erfreulich. Diese Weine tun sich in der Verkostung zunächst etwas schwer, weil die Primärfrucht fehlt, doch dafür profitieren sie vom längeren Ausbau durch mehr Tiefe und Komplexität am Gaumen.

 

Handschriften

Es kristallisieren sich immer deutlicher eine Reihe von zum Teil sehr divergenten Stilrichtungen heraus. Zwei davon spielen mit Reduktionsnoten, unterscheiden sich jedoch sehr deutlich. Im einen Fall drückt sich die Reduktion in einer mehr oder weniger gepflegten Wildheit aus, die mit schiefriger Spontiwürze zu überschreiben ist. Schießpulver und Noten von Johannisbeerholz, auch Himbeerblätter, schwarzer Tee und Lakritz sind häufig anzutreffen. Die herausragenden Vertreter sind Schäfer-Fröhlich und Schloss Lieser. Aber auch Kai Schätzel, in Anklängen Kühling-Gillot, Maximin Grünhaus - von Schubert, von Othegraven und zum Teil auch Schlossgut Diel (beim Pittermännchen) beherrschen und verwenden dieses Stilmittel bzw. folgen dieser Philosophie.

Eher neu in Zusammenhang mit Riesling hat sich die zweite mit Reduktionen spielende Stilrichtung etabliert. Sie ist aus Burgund bekannt, man könnte sie mit „Coche-Roulot-und-Co-Stil“ überschreiben. Die besten Vertreter sind jedoch keine billige Kopie, sondern prägen eine ganz eigene Ausdrucksform von Riesling, die insbesondere auf Kalkböden die spannendsten Weine hervorbringt. Meist kommen auch etwas neuere Holzfässer zum Einsatz. Die herausragenden Weine waren in Wiesbaden Pettenthal von Keller, Schwarzer Herrgott von Philipp Kuhn, Hassel von Barth oder Steingrüben von Dautel.

Die dritte Variante sind die spontanvergorenen Weine, meist in gebrauchten Holzfässern ausgebaut, jedoch ohne Reduktion, jedoch zum Teil mit schmeckbarem biologischem Säureabbau. In den meisten Fällen wird bewusst der Verzicht auf einladende Primärfrucht zugunsten von Struktur und Textur der Weine in Kauf genommen. Ob damit auch der Herkunftscharakter gesteigert wird, darüber streiten die Geister. Heymann-Löwenstein, van Volxem, Wittmann, Battenfeld-Spanier, Gunderloch, Dr. Bürklin-Wolf, Rings, Joh. Bapt. Schäfer und Gut Hermannsberg sind herausragende Beispiele dieser Stilistik.

Herausragende Vertreter der puristischen Lehre (kühle kontrollierte Vergärung, keine malolaktische Gärung, keine Reduktion, keine Spontangärnoten, kein schmeckbarer Holzeinsatz) sind in diesem Jahr zum Beispiel der Kastanienbusch und der Ganshorn im Sonnenschein von Rebholz, Dönnhoffs Hermannshöhle und Felsenberg "Felsentürmchen" oder der Kartäuserhofberg.

Die fünfte Richtung ließe sich vielleicht mit „postmoderner Mainstream der 90er-Jahre“ überschreiben. Durchgängig fruchtbetont und mit einer Restsüße im oberen Toleranzbereich, die im Extremfall Lagencharakter und andere Nuancen überdeckt. Auch das sind vielleicht sehr gute Weine, die wir mit 88 bis 92 Punkten bewertet haben. Dr. Loosen und Dr. Crusius sind zwei prominente Beispiele. Dazu gesellen sich eine Reihe von Mittelhaardt-Betrieben wie Mosbacher, Acham-Magin oder Pfeffingen – Fuhrmann-Eymael. Weine, die beim Publikum mit Sicherheit punkten.

Und dann ist da noch ein großes Feld an Weingütern, die sich für einen Mittelweg zwischen verschiedenen Ausdrucksweisen entschieden haben. Dass auch auf diese Weine Weltklasse-Rieslinge erzeugt werden können, beweisen Emrich-Schönleber, Reichsrat von Buhl, Geh. Rat Dr. von Bassermann-Jordan, Christmann oder von Winning. Viele davon bauen zumindest einen Teil der Weine in neueren (großen) Holzfässern aus. Die Weine sind meist jedoch nicht (komplett) spontan vergoren, entsprechen weit ist das Spektrum hinsichtlich der Primärfucht gespreizt, von sehr fruchtig (von Winning) bis sehr würzig (Christmann, Emrich-Schönleber). Reichsrat von Buhl wiederum setzt auf langen, ungeschwefelten Ausbau auf der Hefe.

 

Die Gebiete

An der Mosel überzeugten von Nord nach Süd ganz besonders die Weingüter Heymann-Löwenstein, Schloss Lieser, van Volxem, Maximin Grünhaus - von Schubert und von Othegraven. Alle fünf mit einer brillanten Kollektion. Sie stellen alle 11 Weine des Anbaugebiets, die mit 95 und mehr Punkten bewertet wurden. Bei van Volxem könnte man durchaus von der Kollektion des Jahres sprechen.

An der Nahe gaben sich die „Big Five“ keine Blöße: Schäfer-Fröhlich, Emrich-Schönleber, Schlossgut Diel, Dönnhoff und inzwischen ist auch Gut Hermannsberg zu diesem erlauchten Kreis zu zählen.

Ein ganz ähnliches Bild in Rheinhessen, wo die Super-Stars Philipp Wittmann und Klaus-Peter Keller ihren hauchdünnen Vorsprung von Kühling-Gillot, Battenfeld-Spanier sowie Gunderloch und Kai Schätzel verteidigen. Die beiden letztgenannten sind vielleicht die Aufsteiger in Rheinhessen mit einer brillant-klaren Handschrift. Überhaupt lässt sich sagen, dass Rheinhessen neben der Nahe das schärfste Profil entwickelt hat. Mainstream wird immer seltener unter den Große Gewächse produzierenden Betrieben.

In der Pfalz ist Philipp Kuhn der Aufsteiger, dem es immer besser gelingt, die Kalkböden, speziell im Saumagen und im Schwarzen Herrgott zum Ausdruck zu bringen. Ansonsten ist die Spitze in der Pfalz enorm breit. Der vielleicht größte Pfälzer Riesling ist das Kirchstück 2015 von Reichsrat von Buhl. Bassermann-Jordan glänzte mit dreimal 95 Punkten. Frucht plus Gewürzaromatik, harmonisch verpackt mit zarten Holznoten, lautet die Erfolgsformel von Uli Mell. Je zweimal 95 Punkte erreichten die Weingüter Christmann und Dr. Bürklin-Wolf. Auch von Winning (Top: Jesuitengarten) gewann 2016 gegenüber 2015 an Spannung.

Der Rheingau ist vermutlich am stärksten in Bewegung. Ragten im Vorjahr Kühn, Spreitzer und von Oetinger heraus, setzten diesmal Baltasar-Ress (Berg Rottland) und der Johannishof (Hölle) die absoluten Highlights, ohne, dass die Erstgenannten enttäuschten. Aufsteiger ist das Weingut Kaufmann, das auch mit seinem Spätburgunder glänzte. Die drei großen Klassiker, Robert Weil, Domäne Schloss Johannisberg und Schloss Vollrads gaben sich keine Blöße.

Zum Abschluss noch Augen auf Württemberg! Die Weingüter verstehen es immer besser, ihre Gips-, Kalk- und Sandsteinböden zum Ausdruck zu bringen. Nicht nur bei Riesling, auch bei Spätburgunder.

 

Sommeliers Top 14
(Bewertungen von Sascha Speicher und Christoph Nicklas) 

 

Mosel

2016 Uhlen "Blaufüßer Lay", Heymann-Löwenstein

2016 Goldtröpfchen, Schloss Lieser

2016 Gottesfuss, van Volxem

2016 Scharzhofberger, van Volxem

2016 Scharzhofberger "Pergentsknopp", van Volxem

Dazu weitere 6 Rieslinge mit 95 Punkten

 

Nahe

2016 Felseneck, Schäfer-Fröhlich

2016 Stromberg, Schäfer-Fröhlich

2016 Halenberg, Emrich-Schönleber

2016 Halenberg, Schäfer-Fröhlich

dazu weitere 6 Rieslinge mit 95 Punkten

 

Rheinhessen

2016 Pettenthal, Keller

2016 Brunnenhäuschen, Wittmann

2016 Morstein, Wittmann

dazu weitere 6 Rieslinge mit 95 Punkten

 

Pfalz

2016 Schwarzer Herrgott, Philipp Kuhn

2015 Kirchenstück, Reichsrat von Buhl

dazu weitere 10 Rieslinge mit 95 Punkten

 

Ebenfalls 95 Punkte erzielten:

2016 Hölle, Johannishof

2016 Berg Rottland, Balthasar Ress

2016 Steingrüben, Ernst Dautel

 

Text: Sascha Speicher

Fortsetzung folgt ...

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