Hauptsache Natur?

Kolumne: Martin Kössler
Ausgabe: 
01
2016
Donnerstag, 3. März 2016 - 10:45
Kolumne

Martin Kössler

Seit ein paar Jahren wird in der Weinwelt heftig über Naturwein diskutiert. Es war der Verdruss über die zunehmende Intransparenz und Banalisierung von Biowein, der unter dem Motto „more than just organic“ das Verlangen nach mehr Authentizität provozierte. Es waren Naivität und Begeisterung, die den Naturwein zu dem machten, was er derzeit ist: Eine spirituelle und kreative Bewegung gegen den breiten Strom, die sich weltweit schneller etabliert als erwartet, mit Konsequenzen, die das Verständnis von Qualitätswein grundsätzlich verändern könnten.
 
Aus weit verbreitetem Mangel an weinbau- und kellertechnischer Kompetenz stellt sich der Begriff Naturwein oft  diffus dar. Die populistische Diskussion um den Einsatz von Schwefel lenkt häufig nicht nur von der überfälligen Definition dessen, was Naturwein sein soll ab, sie vertuscht auch die Inkompetenz vieler Winzer und Naturweinhändler in Sachen Sensorik, Weinbau und Kellerwirtschaft. Statt die komplexen Zusammenhänge zwischen kompetent natürlichem Anbau und einer Traubenqualität, die Korrekturen im Keller überflüssig macht, präzise zu formulieren, geht es um einen Stellvertreterkrieg. „No additivs“ wird reduziert auf die banale Aussage „schwefelfrei“. Dabei gäbe es viel zu tun für die Naturwein-Bewegung, denn noch sind viele ihrer Weine ungenießbar. So mancher Naturwein macht gar wütend, weil man aus ihm nicht nur Inkompetenz, sondern auch freche Ignoranz seines Winzers lesen kann. Doch der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Naturwein wird rasch größer. Deshalb müssen die sich mit Naturwein beschäftigenden Händler, Journalisten, Blogger und Sommeliers mit mehr Kompetenz die Spreu vom Weizen trennen.
 
Weil den Naturwein neuerdings auch zahlreiche etablierte Spitzen-Winzer im Visier haben, könnte der sich zum nachhaltigen Trend entwickeln. Zumindest der interessierte Weintrinker erhält, was ihm bisher bewusst vorenthalten wurde: Die Kenntnis der Möglichkeiten geschmacksverändernder Manipulationen im Wein. Das könnte seine Ansprüche an Wein revolutionieren. Wunschdenken? Die jahrzehntelange Fokussierung der gesamten Weinwirtschaft auf die „Frucht“, also auf Duft statt auf Mundgefühl, hat für eine grundlegende Konditionierung von Otto-Normal-Verbraucher in Sachen Wein gesorgt. Ihn interessieren deshalb Weine abseits des fruchtigen Mainstreams kaum. Der Fachhandel tut wenig dazu, dies zu ändern, vom Selbstbedienungsregal ganz zu schweigen. 
 
Bislang begeistert das Phänomen Naturwein vor allem eine weitestgehend unerfahrene, aber junge und enthusiastische Weintrinkergeneration. Abseits von Marken und Etiketten, emanzipiert von Bewertungen kann es so vielleicht gelingen, die Beschäftigung mit Wein aus der angestaubten Nische des Altherren-Hobbies zu befreien. Dabei sind auch Profis über die reine Geschmacksdiskussion hinaus gefordert, Wein endlich in weiteren Grenzen als bisher technisch fundiert zu beurteilen. Geschmäcklerische Wertungen und der Rückzug auf tradierte Qualitätsvorstellungen werden der neuen Natur im Wein nämlich nicht mehr gerecht.
 

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