Die Kinder des Vaters F.

Kolumne Peter H. Müller
Ausgabe: 
02
2017
Freitag, 2. Juni 2017 - 12:15
Kolumne
Peter H. MüllerRauchschwaden ziehen über das Land. Strohballen brennen. Über mehrere Tage riechen ganze Landstriche nach Wacholderschinken und Wurzelspeck. Erneut lacht sich Väterchen Frost ins eisige Fäustchen und die Winzer und Landwirte bangen um den Erhalt der Früchte ihrer Arbeit. Ein weiteres Jahr vollziehen Wärme und Kälte ihr hämisches Wechselspiel und es ist augenscheinlich, dass jenes, was als anormal beschrieben wird, nichts weiter als die Normalität ist. Im schwierigen Umgang mit dieser wiederkehrenden Herausforderung ergibt sich aus der Notlage heraus zumindest ein gutes Resultat: Zusammenhalt.
 
Winzer mit den verschiedensten Philosophien und Stilistiken springen über den Schatten des hohen Zauns zu Nachbars Garten, rücken näher zusammen, um sich ein bisschen Wärme zu spenden und für die gemeinsame Sache einzustehen.
 
Währenddessen allerdings spitzen die Schreiberlinge der bunt verzierten, nunmehr bereits zur Hälfte mit getarnten Promotionen gefüllten Blätter ihre spöttischen Federn. Sie setzen gar vergnügt den Stift an und bilden die willenlose Konglomerat-Meinung der Lemminge ihrer Leserschaft. Auf, dass man wieder fröhlich Kärtchen drucken kann, auf denen flächendeckend Regionen und Weinländer entweder als unbedingte Kaufempfehlung gefeiert oder als weiträumig zu umgehen abgestraft werden.
 
Die eigentliche Bedeutung des Wortes „Terroir“ beinhaltet nun mal nicht nur die Herkunft und damit verbundene Böden, sondern ebenso gewichtig den Einfluss der Natur und des Jahresverlaufs, sowie die Handschrift des Winzers. Ein schwieriges Jahr bedeutet bei jenen, die wahrhaftig arbeiten, die den Fingerabdruck des jeweiligen Jahrgangs zulassen und nicht jedes Jahr einen stets gleich schmeckenden Big Mac produzieren wollen, schlicht meist ein Resultat, dem es an Quantität mangelt, nicht jedoch an Qualität. Ob nun höhere Gewalt der Natur durch Frost, Hagel, Wildschweine, Stare und Konsorten im Spiel ist, oder durch den volltrunkenen Nachbarn, der mit seinem Defender in die beste Parzelle des Weingartens rauscht ...
 
Ich, für meinen Teil, möchte gar keinen Wein, der gänzlich schnörkel- und makellos glatt daherkommt, sondern lasse mich bereichern, durch die durchlebte Anspannung des Winzers in den vermeintlich kleinen Jahrgängen, die sich in den resultierenden Weinen widerspiegelt. 
 
Anstelle, diesen Winzern Zuspruch entgegen zu bringen, wird oftmals zerrissen, was geht, während die Trauben noch am Stock hängen. Ohne einmal durch die Weingärten gegangen zu sein oder auch nur das geringste Maß an Empathie. Die daraus entstehenden Diskussionen über gute oder schlechte Jahrgänge, in denen Vorgekautes nachgeredet wird, bin ich gänzlich leid.
So labet euch an den ach so großen Weinen der ach so großen Jahre, die mit „Daumen hoch“ und „grünem Licht“ pauschaliert wurden. Ich trinke die individuellen Weine der Winzer meines Vertrauens und freue mich auf die Geschichten, die sie zu erzählen haben.
 

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