Bitter. Sauer. Teuer

Kolumne Sebastian Bordthäuser
Ausgabe: 
02
2017
Freitag, 2. Juni 2017 - 12:30
Kolumne
Sebastian BordethäuserEs stößt mir oft bitter auf, daher bestelle ich seit Langem im Restaurant keinen Kaffee mehr. Er ist die letzte Bestellung im Restaurant, wenn man den Schnaps auslässt, und meist mit 4,50 die letzte Position auf der Rechnung. Pralinen sind dazu da, einem das zu versüßen, denn nicht selten kostet doppelt auch doppelt, zumindest wenn man von Espresso spricht.
 
Kaffee ist des Deutschen liebstes Getränk. Gut 150 Liter pro Jahr gießt er sich rein. Kaffee ist daher auch das Lieblingsgetränk des Gastronomen, schließlich gibt es kaum etwas, mit dem man mehr Geld verdienen kann, klammern wir das andere Minenfeld Tee einmal aus. 
 
Kaffee ist ein Thema wie Fussball oder guter Geschmack, den beansprucht auch jeder für sich. Ob schwarz, weiß, süß oder alles zusammen geschichtet als Torte mit Frozen-Raspberry-Yoghurccino-Geschmack und Macadamia Sirup nebst Schokoraspeln on Top: Trinktorte! 
Mit etwas Distanz betrachtet ist Deutschland ein Land niederster Kaffeequalität. Der Bogen von fadem Filterkaffee, stundenlang auf der Büromaschine eindampft, über Kapselkaffee bis hin zu obiger Trinktorte ist weit gespannt, klammert aber eines kategorisch aus: guten Kaffee. Es scheint unmöglich zu sein, den ordentlich hinzubekommen. Man will alles, jederzeit und am besten so billig wie möglich. Man macht nichts wirklich richtig, und wenn, wird es direkt zur Wissenschaft mit Lehrgang und Zertifikat. Menschen, die Kaffee ausnahmsweise schmackhaft zubereiten, heißen jetzt Barista und sind sowas wie die Raketentechniker des Heißgetränkes. Pluspunkt: Man kann die Plörre noch teurer anbieten. 
 
Es fehlt der Fokus. Den versprechen uns Nespresso und Co. Die Kapsel wird à la minute individuell zubereitet. Es wird immer absurder. Das verrückteste aber ist, dass alle Welt den Schmarrn schluckt, die Maschine dafür anschafft und Kapseln mit mediokrem Kaffee zu Marspreisen trinkt und im Delir etwas über Qualität und guten Geschmack faselt. Das allergrößte Übel ist allerdings, wenn ich das Brummen der Nespresso-Maschine im Restaurant höre.
 
Keine Gastronomie, die nicht ein Konferenzraum ist, hat das verdient. Man macht sich Gedanken über die Speisekarte, die Produkte und um die Getränkekarte. Manche Läden haben sogar extra Kellner nur für Getränke eingestellt. Man redet über Glas-Serien, neues Porzellan, Bestecke, Blumendekoration für den Gastraum, um unterschiedlichste Duftarrangements für die Toiletten und handgefaltete Frottee-Handtücher, aus Gründen der Nachhaltigkeit. Und dann wird der Gast bei der letzten Bestellung derart beleidigt? Wo steht eigentlich geschrieben, dass man Kaffee anbieten muss, wenn man offensichtlich keine Lust darauf hat? Was esse ich Sterne-Menüs, wenn ich nachher einen Kapselkaffee oder einen aus dem Vollautomaten angeboten bekomme? Ich begreife nicht, wer da aufgehört hat nachzudenken. Und warum. Einfach? Hol Dir einen Siebträger, schul das Personal. Billiger? Im Leben nicht. Nachhaltig? Ruhe dahinten! Zuwenig durchlauf? Jeder Koch und Kellner trinkt pro Schicht ca. fünf Espressi, das reicht für den nötigen Durchlauf. Und man würde auch mehr Kaffee  verkaufen, wenn der nicht 4,50 kosten würde. Sondern zweifuffzich. Denn bei dem was der Service zusätzlich zu den Köchen wegtrinkt, bleibt eh nix kleben. Und schlechter Kaffee zu überhöhten Preisen ist und bleibt der letzte Eindruck, den man mit nach Hause nimmt. 

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