Wetten, dass... Bier auch digital schmeckt?

Dienstag, 19. Mai 2020 - 11:00
Corona
Gastronomie

Markus Quadt (r.) und Sidekick, Barkeeper Raffi, senden live aus der Alten Posthalterei. Fotos: Alte Posthalterei
Markus Quadt (r.) und Sidekick, Barkeeper Raffi, senden live aus der Alten Posthalterei. Fotos: Alte Posthalterei
 

Markus Quadt kreiert mit seiner Digitalen Bierprobe aus der Alten Posthalterei in Lingen während des Corona-Shutdowns ein „Kaminfeuer“-Event, das in Erinnerung bleiben wird.

Text: Benjamin Brouër

Am Ende standen 57 verschiedene Biere, dazu 30 „Zwi-Bis“, 1.800 live gesendete Minuten, 10.000 verschiedene zuschauende Accounts und mehrere 10.000 versendete Bierflaschen. Am Anfang... da stand eine Anfrage eines Gastes, dessen Bierprobe in der „Alten Posthalterei“, dem bierlastigen, gutbürgerlichen Restaurant von Markus Quadt in Lingen, ausgefallen war und der die Biere stattdessen nun mit seinen Kumpels zu Hause trinken wollte. Ob sich Markus Quadt nicht per Skype-Konferenz dazu schalten und etwas über die Biere erzählen könne? Konnte er, wollte er, machte er – und beließ es nicht dabei.

Sein Restaurant hatte er zu dieser Zeit, Mitte März, wie all seine Gastrokollegen, schließen müssen. Was also tun, um den Kontakt zu den Gästen zu halten, für etwas Grundrauschen und -umsatz zu sorgen, sein Team wenigstens ein wenig beschäftigen zu können? Die Idee zur Digitalen Bierprobe war geboren, und mit Raffi, dem Chefbarkeeper aus seiner ebenfalls lahmgelegten Bar „Butchers“, der ideale Sidekick gefunden, der das Wagnis Live-Event mit ihm angehen wollte. Sie starteten Samstagnachmittag und arbeiten sich langsam in den Abend vor. Ab der dritten Ausgabe startete die Digitale Bierprobe dann Samstagabend um 20:15 Uhr, zur besten „Wetten, dass ..?“-Zeit. Mit Wechsel in die „Primetime“ entwickelte die Bierprobe dieses ganz besondere Kaminfeuer-Gefühl des linearen Fernsehens, das es heute kaum noch gibt. Passenderweise sendeten die beiden aus dem Kaminzimmer der „Alten Posthalterei“, mit Häkeldeckchen, Tischlampe und Winkekatze als ironische (?) Accessoires. Raffi nahm bevorzugt im Bademantel Platz, ganz wie damals... frisch gebadet und mit geschnittenen Fingernägeln vor den Fernseher. Heute halt mit Bier statt mit Spezi, also mit acht Bieren, strenggenommen, dem durchschnittlichen Programm einer digitalen Bierprobe.


Gesendet wurde aus dem Kaminzimmer der Alten Posthalterei - samt Häkeldeckchen und Stehlampe. 

In der Spitze schalteten sich via Facebook und Instagram knapp 2.000 Accounts dazu, die sich zuvor über den Online-Shop das passende Bierpaket geordert hatten. Markus Quadt ist beileibe nicht der einzige, der in den vergangenen Wochen und Monaten auf die Idee gekommen ist, Biere digital vorzustellen. Sein Format ist auch hinsichtlich Produktion vermutlich nicht das ausgefeilteste. Das erfolgreichste ist es hingegen mit Sicherheit. Warum bloß? „Wir verstehen es selbst nicht“, grübelt er – und liefert dann doch ein paar Anhaltspunkte. „Wir bieten leichte Bierunterhaltung, keinen Geek Talk. Wir wollen den normalen Biertrinker abholen und nehmen das Ganze nicht so bierernst.“ Keine Fachsimpelei über die letzte Hopfennuance also. Und über Hefe auch nicht. „Bier ist immer noch Bier – und wir sind keine Biergötter.“ Unterhaltsam sind sie aber allemal, auch wenn Markus Quadt zugibt, jedes Mal tierisch nervös vor dem Start zu sein. Anfangs lockerte er sich noch mit, zwei drei Aufwärmbieren für die Live-Show, was in Kombination mit den gut acht Bieren während der Probe und hier und da einem „Zwi-Bi“, einem Zwischenbier, auch den erfahrenen Biertrinker herausforderte.

Ohne Script, ohne Plan seien sie jeweils in die Show gegangen, hätten sich dann den Bieren, den zugeschalteten Gästen (oft den Brauern der jeweiligen Biere) und den Zuschauerkommentaren entlang gehangelt. Raffi als Stichwortgeber, Markus als launiger Kommentator. Es sind die kleinen Ideen, die das Format so charmant und kurzweilig machen: die Angelhaken, mit denen die Biere und Gläser (Corona-Abstand muss sein!) an den Tisch gereicht werden, die Rülpsstatistik, die Markus stets verlässlich anführt, die laufenden Kostümwechsel von Raffi, plus wechselnde Gimmicks wie ein Tischgrill, auf dem sich die beiden Protagonisten etwas brutzeln.

Ein großer, im Schnitt knapp dreistündiger Spaß also, der gleichwohl einen handfesten Hintergrund hat. Markus Quadt konnte über den Verkauf der vorab von den Teilnehmern bestellen Bierpakete das Corona-bedingte Umsatzloch zumindest zum Teil stopfen und sein Personal zu knapp 40 % weiterbeschäftigen. Auch die Brauereien, vorwiegend kleine deutsche Brauereien, aus denen die Biere stammen, profitieren direkt von der Aktion, konnten diese sich doch einen ungeahnten Absatzkanal erschließen. Im Laufe der Zeit ist bei Markus Quadt in Lingen auf diese Weise ein professioneller Online-Shop samt Logistikbereich entstanden, der nun fortgeführt wird und über den neben Bier auch Hausgemachtes aus der „Alten Posthalterei“ und Merchandising verkauft wird. Zudem gibt es zahlreiche Firmenanfragen, das Verkostungsformat als Event zu buchen – und auch an eine Plattform für Brauereien, die ihr Bier in kurzen Clips vorgestellt haben möchten, wird gedacht. „Das ist definitiv ein neues Standbein“, freut sich Markus Quadt, der sich nach acht digitalen Bierproben nun aber auch wieder um sein stationäres Gastrogeschäft kümmern muss, das behutsam wieder anläuft.

Einen hat er aber noch. Das große Finale soll am 30. Mai über die Bühne gehen. „Die große digitale Sommerrevue der Biere“ verspricht „Bier, Bäuche, Brauer“.  Dieses Mal mit neun Bieren, einem Zwischenbier, einigen Lieblingsgästen der vergangenen Ausgaben und vielen Überraschungen. Und so nebenbei soll ein Weltrekord als größte digitale Bierprobe aufgestellt werden. Wieder zur besten „Wetten, dass ..?“-Zeit, am Samstagabend um 20:15 Uhr, versteht sich. Mit „Wetten, dass ..?“-Länge bis 23:15 Uhr, mindestens. Wir werden einschalten.

Info: www.posthalterei-lingen.de, facebook.com/alteposthalterei
Bierpaketbestellung: shop.posthalterei-lingen.de

Acht Biere samt „Zwi-Bis“ wurden pro Ausgabe verkostet. 
Acht Biere samt „Zwi-Bis“ wurden pro Ausgabe verkostet. 

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