Warnung vor „alkoholpolitischer Hysterie“

Montag, 10. Februar 2020 - 10:15
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Bier
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Georg Schneider, Präsident des Bayerischen Brauerbundes (Foto: GZ)

Bayern ist das stärkste Bierland in der Bundesrepublik Deutschland – trotz eines Absatzminus‘ von 3,3 Prozent im Vergleich zu 2018. Von Januar bis Dezember 2019 produzierten die bayerischen Brauer 23,8 Millionen Hektoliter (ohne alkoholfrei und Malzbier, mit denen es rund 25,8 Millionen Hektoliter sind), rund 820.000 Hektoliter weniger als 2018 (wir berichteten). Damit konnte Bayern seine Spitzenposition, die es seit 2014 innehat, mit knapp 1,9 Millionen Hektolitern vor NRW behaupten. NRW muss 2019 einen Absatzrückgang von 1,6 Prozent hinnehmen. Lediglich Berlin / Brandenburg, Niedersachsen / Bremen und Sachsen-Anhalt konnten laut Bayerischem Brauerbund im vergangenen Jahr einen Absatzzuwachs verzeichnen.

Was kommt nach dem Hellbier?

Zurück nach Bayern. Selbstverständlich profitierten auch hier die Brauereien 2019 vom deutschlandweiten Trend zum Hellbier, das meist in der Euroflasche angeboten wird. Auf der anderen Seite erleiden die bayerischen Brauer Verluste im Weißbiersegment – lange Zeit Triebfeder des Erfolges der bayerischen Brauwirtschaft. (Die Entwicklung des Weißbiers betrachtet die GETRÄNKE ZEITUNG in Ausgabe 5, die am 27. Februar erscheint.)

Was aber kommt nach dem Hellbier-Trend? „Wir müssen die Menschen mit Erzeugnissen aus unseren Brauereien dort abholen, wo sie konsumieren wollen“, sagt Georg Schneider, Präsident des Bayerischen Brauerbundes. Natürlich stehe das klassische Biersortiment der bayerischen Brauereien im Zentrum der Absatzbemühungen. „Wir beobachten aber eine kritischer werdende Einstellung zum Alkohol“, konstatiert der Präsident – dies aus den verschiedensten Gründen, Schneider kritisiert hier das Vorgehen der Politik: „Das ist zum Teil alkoholpolitisch motiviert, sicherlich auch ein Stückweit medial getrieben. Die Grenze zwischen sinnvoller und richtiger Warnung vor dem Missbrauch alkoholischer Getränke und alkoholpolitischer Hysterie verschwimmen dabei bisweilen. Warum die Politik über beinahe jedes Stöckchen springt, das zum Teil ideologisch getriebene Alkoholgegner ihr hinhalten, verstehe ich nicht.“ Der Absatz alkoholischer Getränke, Bier im Besonderen, sei von dieser Entwicklung nachhaltig betroffen.

„Alkoholfrei ist Lifestyleprodukt, kein Bierersatz“

Georg Schneider fordert seine Braukollegen dazu auf, das Sortiment alkoholfreier Biere und Biermischgetränke offensiver zu vermarkten – nicht als Ersatz für „echtes“ Bier, sondern als eigenständiges Lifestyleprodukt. Mittlerweile machen alkoholfreie Biere und Biermischgetränke 8 Prozent des bayerischen Gesamtabsatzes aus, Tendenz steigend. Schneider betont, dieses Segment sei kein Ersatz für die bayerischen Bierspezialitäten. Alkoholfreie Biere sieht er als Ergänzung, die dabei helfen sollen, „Kapazitäten auszulasten und im scharfen Wettbewerb zu bestehen, der in unserem Markt unverändert herrscht“.

Georg Schneider findet hierzu ebenfalls klare Worte zum viel zitierten Verdrängungswettbewerb: „Das hört sich immer so harmlos an. Aber wohin wird denn einer verdrängt? Es wird niemand verdrängt, es wird vernichtet. Es werden Unternehmen vernichtet, Arbeitsplätze, Strukturen auf dem Land. Das kann es nicht sein!“ Zudem gehe ein Verdrängungswettbewerb, der über den Preis ausgetragen wird, „leider zu Lasten der Wertigkeit, die das Bier verdient“.

„Verpackungsfrage quält uns seit zwei, drei Jahren“

Die „Verpackungsfrage quält uns seit nunmehr zwei, drei Jahren“, sagt Schneider dann, als er auf die Euroflasche zu sprechen kommt. Sie wird immer beliebter, Schneider betont die Vorteile dieser Flasche: Da sie niedriger ist, sei sie auch für einen niedrigeren Kasten geeignet. Stelle man nun höhere Flaschen hinein, sind die Kästen nicht mehr stapelbar. „Das ist im Handel und für den Transport extrem unpraktisch und hat erheblich größere Disziplin bei der Leergutsortierung zur Folge“, kritisiert er.

Zudem habe die mittlerweile große Anzahl an Individualflaschen zur Folge, dass im rücklaufenden Leergut viele Flaschen auftauchen, die die Brauereien aufwendig aussortieren und den entsprechenden Unternehmen rückführen müssten. Das verlangsame den Umlaufprozess der Gebinde und bedinge einen deutlich gestiegenen Flaschenbedarf, der wiederum in heißen Sommermonaten zu Leergutengpässen führen könne, von den mit dem Logistikaufwand verbundenen Kosten ganz zu schweigen.

Pfand: Ist Mehrweg das billigere Einweg?

In diesem Zusammenhang verdeutlicht Georg Schneider seine Meinung: Das Pfand für Flaschen und Kästen müsse dringend erhöht werden. Jedoch betont er: „Eine Pfanderhöhung ist nicht das alleinige Heilmittel. Es ist lediglich ein Baustein.“ Die Branche brauche ein „komplett geschnürtes Paket zum Schutz unseres Mehrwegsystems. Denn wir müssen aufpassen, dass wir uns unsere Mehrwegsystem, um das uns viele andere europäische Länder beneiden, nicht selbst zerschießen.“ Hierzu brauche es alle – den Hersteller, den Fachhandel, den Einzelhandel, aber auch die Konsumenten. Es gelte, kluge Lösungen zu erarbeiten. „Ich kann Ihnen heute noch nicht sagen“, so Schneider, „wie und wann eine Pfanderhöhung kommt, ich kann Ihnen auch noch nicht sagen, wie das technisch funktionieren soll, ich kann auch noch nicht sagen, wer in diesem Prozess welche Kosten tragen wird. Das muss gemeinsam entschieden werden.“ Alleingänge von Unternehmen oder das Setzen von Ultimaten oder das rigorose Fordern an die Politik sei hier wenig hilfreich.

„Werden absehbar 9 Millionen Konsumenten fehlen“

Zur allgemeinen Situation des gesamtdeutschen Biermarktes sagt der Präsident des Bayerischen Brauerbund Georg Schneider: „Die Babyboomer-Generation nähert sich der Verrentung, das Konsumverhalten geht erwiesenermaßen mit steigendem Alter zurück, uns fehlen absehbar in den nächsten 20 Jahren deutschlandweit circa 9 Millionen Konsumenten im Alter zwischen 20 und 60 Jahren, die Hauptzielgruppe für den Bierkonsum. Zum Verlust an Konsumenten kommt ein rückläufiger Pro-Kopf-Konsum. Weniger Konsumenten trinken auch noch weniger Bier.“ // ja

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