Volles Haus bei Kastners Info-Abend

Montag, 28. Oktober 2019 - 8:00
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Mehr als 400 Gäste besuchten den Info-Abend des Stuttgarter Getränkehändlers, Hans-Peter Kastner, zum Thema "Mehrweg - Einweg - Umweltschutz". (Foto: Fritz Kulturgüter)

Der Stuttgarter Getränkehändler Hans-Peter Kastner hat Ende Oktober in Stuttgart-Vahingen im Häußler-Forum vor gut 400 Besuchern mit Unterstützung des Hamburger Erfrischungsgetränke-Hersteller Fritz Kola einen Informationsabend zum Thema Mehrwerg & Pfandsystem veranstaltet.

Hans-Peter Kastner, der sich selbst gerne als Klima-Aktivist bezeichnet, rückte im Juni dieses Jahres durch seinen wütenden Facebook-Post zum Thema Plastikflaschen-Müll bundesweit in die mediale Öffentlichkeit. Der Stuttgarter engagiert sich in zahlreichen Umweltthemen. In seinem Getränkehandel sind seit August 2019 ausschließlich Glas-Mehrwegflaschen im Verkauf, keine PET-Einwegflaschen oder Dosen.

Kastner schaffte es an dem Abend, ein wenig Licht in die Komplexität der vorhandenen Getränkeverpackungen zu bringen. Alle Fragen beantworten konnten er und seine sechs Gäste aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft nicht, weil zum einen dazu die Zeit nicht ausreichte und zum anderen die Komplexität zum Thema Getränkeverpackungen nach wie vor "sehr hoch und erklärungsbedürftig ist", wie einige Teilnehmer des Abends feststellen mussten.

So viel steht fest: Kastner hat es geschafft, an dem Abend reichlich Branchen-Prominenz ins Häußler Forum zu rufen. Es kamen (von links) Hans Baxmaier, Geschäftsführer Petcycle, Mirco Wolf Wiegert, Gründer von Fritz Kola, Mia Wilkinson, Fridays-for-Future-Aktivistin, Dirk Reinsberg, Vorstand des Bundesverband des Deutschen Getränkefachgroßhandels, Daniel Renkonen, Mitglied des Landtages Baden-Württembergs und Umweltpolitischer Sprecher der Grünen, sowie Jürgen Resch, Bundesvorstand Deutsche Umwelthilfe.

"Umwelt nicht aus Bequemlichkeit verschmutzen"

Den Anfang auf dem Podium machte Hans-Peter Kastner als Redner, der aufgrund seiner Revolte gegen das "böse Plastik" überwiegend "positive Kundenreaktionen" bekam, wie er sagte. Der Stuttgarter Getränkehändler, der mittlerweile eine kleine Fangemeinde und viele überzeugte Verbraucher um sich schart, lässt beispielsweise nicht das Argument gelten, dass Konsumenten nur aus Faulheit PET-Flaschen kaufen, weil sie leichter zu tragen sind: "Es gibt immer Lösungen. Wir laden für Kunden auch Glasflaschen in bequemere Kisten um. Es darf nicht sein, dass Menschen aus Faulheit die Umwelt verschmutzen." Kastner, der die Hauptschuld für die Flut an Plastikflaschen den Discountern und Großkonzernen gibt, verzeichnet trotz Plastikflaschen- und Dosen-Verzicht ein leichtes Umsatzplus und regen Neukunden-Zulauf.

Für Mirco Wolf Wiegert ist der Einsatz von Glas-Mehrwegflaschen "alternativlos", seit er im Jahr 2003 Fritz Kola gegründet hat." Damit das schwere Gebinde auch keine zu langen Transportwege auf sich nehmen müsse, habe man mittlerweile fünf Abfüll-Orte bundesweit quer durch Deutschland eingerichtet, versicherte der jungenhafte Geschäftsführer den gut 400 Besuchern. Außerdem beteilige sich Fritz Kola auch an der Aktion "Pfand gehört daneben" (also, neben dem Mülleimer gestellt), um Obdachlosen das Sammeln von Flaschenpfand zu erleichtern. Immerhin landen 180 Millionen Pfand jährlich in den Müll.

Für den baden-württembergischen Grünen-Politiker Daniel Renkonen stand bei seinem Vortrag, die verfehlte Abfallpolitik der aktuellen Bundesregierung im Mittelpunkt. Das Grundproblem sei seiner Meinung nach das "Duale System", das eine "Fehlkonstruktion" sei. Sein Vorschlag wäre ein sogenanntes Wertstoffgesetz einzuführen, was aber von der jetzigen Bundesregierung kategorisch abgelehnt werde. Somit nehme aus Renkonens Sicht auch das Littering, also die Verschmutzung der Umwelt, weiter zu. Der Politiker sprach von mehr als 16 Milliarden Einwegverpackungen, die hierzulande produziert werden.

"Die Rücklaufquote von Petcycle-Einwegflaschen liegt bei nahezu 100 Prozent"

Geschäftsführer Hans Baxmeier von Petcycle wagte als einziger Vertreter für Plastik den Gang in die "Höhle des Löwen" und machte kräftig Werbung für sein umweltfreundliches Kreislaufsystem, das es seit 20 Jahren nun schon gebe. Mehr noch: "Petcycle ist der Pionier im Stoffkreislauf bei Getränken", lobte Baxmeier sein System. Schließlich liege die Recyclingquote bei dessen Flasche bei nahezu 100 Prozent. Außerdem betragen Petcycle-Flaschen einen Rezyklat-Anteil von mindestens 55 Prozent. "Damit liegen wir deutlich über der Norm".

Was Baxmeier aus Sicht von Hans-Peter Kastner nicht erwähnte, sei, dass Petcycle lediglich einen bundesweiten Marktanteil von 4 Prozent besitze und die gesammelten Plastikflaschen anschließend CO2-belastend weiter transportiert werden müssten in eine Fabrik, wo sie unter hohem Energieaufwand geschreddert werden müssten, um dann wieder mit Rezyklat-Granulat angereichert und recycelt zu werden. Für Kastner ist dieser Weg alles andere als umweltschonend. Aber diese Meinung habe er dem Petcycle-Chef öffentlich ersparen wollen. Stattdessen lobte er Baxmeiers Mut, dem Plastik kritischen Publikum an diesem Abend Rede und Antwort gestanden zu haben.

"Coca-Cola, Nestlé und Tetra Pak sind die größten Einwegplastik-Produzente der Welt"

Dagegen nahm Jürgen Resch kein Blatt vor den Mund. Der Chef der Deutschen Umwelthilfe zählte jede Menge negative Fakten über das Müllproblem Deutschlands auf: So seien die Deutschen mit 218 Kilogramm Verpackungsabfall pro Kopf im Jahr die Europameister auf diesem Gebiet. Dahinter kämen Frankreich (185 kg), Österreich (150 kg) und die Schweden (108 kg). Obwohl viele wüssten, dass Glasmehrweg-Flaschen im Umkreis bis zu 300 Kilometern noch einen gesunden Co2-Fußbabdruck hätten, sei die Mehrwegquote seit dem Jahr 2004 bis 2016 um minus 23,5 Prozent auf einen Anteil von nur noch 42,8 Prozent gesunken. Für Resch stehen die Schuldigen an diesem "Umweltfrevel" eindeutig fest: "Paletten voller Plastikwasser verdrängen selbst bei Rewe und Edeka zunehmend Mehrweg." Auch die Marktverdrängungsstrategie von Discountern wie Lidl oder Aldi mit ihren Niedrigstpreisen für Getränke in Einwegplastikflaschen und Dosen würden einen großen Teil dazu beitragen. "Aldi und Lidl leisten keinen Beitrag zur Erfüllung der gesetzlichen Mehrwegquote von 70 Prozent. Aber auch die Getränke-Industrie wurde von Resch coram publica nicht verschont: "Coca-Cola, Nestlé und Tetra Pak sind die größten Einweg-Plastikproduzenten der Welt bei Getränken. Tetra Pak & Co ließen sich sogar ihre Einwegverpackungen durch Auftragsgutachten schönrechnen. Und Petcycle-Chef Hans Baxmeier gab Jürgen Resch die Empfehlung, zwar das Kastensystem zu belassen, die Einwegflaschen hingegen aber durch Mehrwegflaschen zu ersetzen. 

Wer weiß, ob Baxmeier diesen Weg nicht ohnehin gehen wird, nachdem bekannt ist, dass die Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB) zusammen mit Petcycle seit geraumer Zeit über einen Zusammenschluss zwischen dem deutlich kleineren Zweiweg-Pool (Petcycle) und dem potenten Mehrweg-System der GDB plant.

Dirk Reinsberg, Geschäftsführer vom Bundesverband des Deutschen Getränkefachgroßhandels, machte dem Auditorium anhand eines Posters auf der Bühne, auf dem mehrere Mehrweggebinde mit dem Satz "Mehrweg ist Klimaschutz" zu sehen war, klar, wofür der Verband steht: "Wir und der Getränkefachgroßhandel stehen von Anfang an für das Mehrwergsystem - ohne Wenn und Aber."

Klimaaktivistin Mia Wilkinson von "Friday for Future" appellierte an die Besucher am Saal, dass sie allein es in der Hand hätten, beim Einkaufen umweltfreundliche Entscheidungen zu treffen: "Es geht um nichts anderes als um die Zukunft unserer Generation und der nachfolgenden. Machen Sie sich das bewusst, wir haben nur eine Erde, auf der wir leben können. Aber viele Verbraucher gefährden durch ihr gedankenloses Verhalten unser junges Leben, das wir noch vor uns haben."

 

                                                                                                                                            Pierre Pfeiffer

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