„Im Mittelstand brennt es lichterloh“

Freitag, 27. März 2020 - 18:30
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Holger Eichele findet klare Worte - nicht nur zur derzeitigen Situation in der Gastronomie. (Foto: Deutscher Brauer-Bund)

Das Coronavirus hat unser aller Leben massiv verändert. Natürlich auch die Brauwirtschaft und die gesamte Getränkebranche inklusive Gastronomie und Hotellerie. Eine Bestandsaufnahme.

Minus 8,2 Prozent: Ausländische Kernabsatzgebiete deutscher Brauer gehen deutlich zurück

Januar und Februar 2020 lag der Bierabsatz in Deutschland noch knapp ein Prozent unter dem des Vorjahreszeitraums. Das entsprach einer relativ normalen Entwicklung des Marktes. Im Auslandsmarkt zeichnete sich die derzeitige katastrophale Entwicklung schon früh ab: Fast zweistellig (-8,2 Prozent) ging der Bierabsatz krisenbedingt in diesem Bereich zurück. Im Wesentlichen getrieben durch vollständige Shutdowns in Italien und Teilen Chinas – zwei wesentliche Kernabsatzgebiete für deutsches Bier. Mittlerweile ist das Exportgeschäft weitgehend zum Erliegen gekommen. Nur China zieht leicht wieder an.

Die rund 1.500 Brauereien in Deutschland produzieren Biere mit und ohne Alkohol, aber auch Limonaden, Fassbrausen und Mineralwasser. Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes sieht zunächst das Positive: „Wir können sagen: Die Versorgung ist gesichert. Zum Glück haben wir stabile Logistikketten, um den Lebensmittelhandel und die Getränkemärkte mit genügend Ware versorgen zu können. Auch bei den Heim- und Lieferdiensten herrscht Hochbetrieb.“ Leider war es das an dieser Stelle mit Optimismus. Eichele betont, dass die Schutzmaßnahmen von Bund und Ländern sind richtig und wichtig seien: „Wir unterstützen diese Strategie.“

Auch Kai Falk, Geschäftsführer Kommunikation und Nachhaltigkeit beim Handelsverband Deutschland (HDE), sieht das so: „Was ganz besonders zählt ist: Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist gesichert. Es gibt genügend Produkte am Markt, das trifft auch für die Getränkebranche zu, die gut aufgestellt ist.“ Dass es bei einigen Waren Engpässe gab und gibt, habe besonders mit logistischen Herausforderungen zu tun. Es gebe zum Beispiel zu wenig Fahrer, um den kräftigen Umsatzschub bei Lebensmitteln zu bewältigen. Falk: „Hier haben wir aber inzwischen Erleichterungen bei der Arbeitnehmerüberlassung erreicht. Die Fahrer können problemloser das Unternehmen und ihren Arbeitsplatz wechseln.“ Aber zurück zum Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauer-Bundes, Holger Eichele.

Sorge um die Gastronomie: "Gastwirte können verlorene Umsätze nie mehr aufholen"

Große Sorgen macht ihm aber die Situation der Gastronomie: „Die wirtschaftliche Lage der von Schließung betroffenen Gaststätten, Restaurants, Eckkneipen, Cafés, Clubs und Bars wird von Tag zu Tag dramatischer. Die meisten Betriebe haben überhaupt keine Umsätze mehr. Bereits jetzt befinden sich manche Wirte am Rande ihrer Existenz oder haben schon Insolvenz angemeldet“, erläutert er die derzeitige Lage. Die Krux dabei: Anders als in anderen Branchen können die verlorenen Umsätze im Gastgewerbe nicht nachgeholt werden. „Gastwirte können nach der Krise nicht einfach ihre Produktion hochfahren, um entgangenen Umsatz zu kompensieren. Jedes Essen und jedes Getränk, das sie heute nicht verkaufen, werden ein paar Wochen später nicht mehr bestellt werden“, sagt der Hauptgeschäftsführer.

„Nur Soforthilfen können die Gastronomie noch retten“

Stundungen oder Kredite hälften in einer Situation, in der das gesamte Gastgewerbe mit dem Rücken zur Wand steht, nicht weiter. Eichele: „Nur Soforthilfen in Form von unbürokratischen Zuschüssen können die drohende Pleitewelle in der Gastronomie noch abwenden. Gelingt es jetzt nicht, das Gastgewerbe zu retten, werden viele Familienbetriebe für immer aus unseren Städten und Gemeinden verschwinden. Das traditionelle Wirtshaus im Dorf, die Kneipe an der Ecke, der international bekannte Club in der Großstadt, das neu gegründete Studentencafé – all dies ist Teil unserer Kultur, unseres sozialen und gesellschaftlichen Lebens. Wir müssen uns überlegen: Wie sollen unsere Städte aussehen, wenn diese Krise überstanden ist?“

Domino-Effekt in der Brauwirtschaft? "Sitzen in einem Boot!"

In der Brauwirtschaft drohe ein Domino-Effekt: „Die mittelständisch geprägte Brauwirtschaft ist massiv betroffen, weil viele der bundesweit 1.500 Brauereien einen Großteil ihres Umsatzes über die regionale Gastronomie erzielen. Dazu kommen Pachtzahlungen und Kredite der Gaststätten, die jetzt ausfallen. Wir sitzen in einem Boot, und dieses Boot bekommt eine gefährliche Schlagseite“, sagt Eichele. Zehntausende Veranstaltungen wurden abgesagt, darunter die Fußball-EM und Bundesliga-Spiele. „Im Mittelstand brennt es lichterloh“, so Holger Eichele. „Viele Brauereien werden diese Krise ohne Hilfe nicht überstehen. Als erster Familienbetrieb hat die Wernecker Brauerei in Bayern aufgebeben – nach 400 Jahren gehen dort die Lichter aus. // ja

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