Ausgabe 10/2019

Freitag, 10. Mai 2019 - 6:00

Von Milchkannen, Mobilfunk und Ministern

ddw10/2019

Ortstermin Ortenau: Frühlingssonne, sattgrüne
Wiesen, steile Rebhänge — eine malerische Kulisse.
Wie immer in solchen Momenten zücke
ich mein Smartphone, um die ddw-Follower
via Facebook und Instagram an meinen Eindrücken
teilhaben zu lassen. Leider ohne Erfolg, denn ausgerechnet
jetzt bin ich vollkommen abgeschnitten von der
virtuellen Außenwelt. Nach mehreren Versuchen, durch das
Erklimmen umliegender Hügel doch irgendein Netz zu ergattern,
gebe ich frustriert auf — in den Sozialen Medien würde
man das als »Epic Fail« bezeichnen. Inmitten der Schwarzwaldidylle
fühle ich mich unweigerlich an den Ausspruch
der aktuellen Forschungsministerin erinnert, die meinte,
5G sei nicht an jeder Milchkanne notwendig. Nicht erst in
diesem Moment bin ich absolut anderer Meinung und nicht
ganz zu Unrecht hatte die Ministerin für ihre Aussage damals
einiges an Kritik u. a. von ihrer Kollegin aus
dem Landwirtschaftsministerium einstecken
müssen.
Der Name der Bildungspolitikerin entfällt
mir zwar immer wieder, aber vergangene
Woche tauchte er zusammen mit ihrem umstrittenen
Zitat in einer Kolumne auf SPON
wieder auf. Sascha Lobo (ja genau, der mit
den auffälligen Haaren) kritisiert darin nicht
nur die Aussage der besagten Bundesministerin
für Bildung und Forschung, Anja Karliczek, sondern
vor allem das Vorgehen der Bundesregierung bei der Versteigerung
der 5G-Mobilfunklizenzen. Laut Lobo wiederhole
diese ihre Fehler aus dem Jahr 2000. Damals war es um die
Vergabe der 3G-Lizenzen gegangen. Die Regierung Schröder
hatte Milliarden von den Mobilfunkunternehmen gefordert
und auch bekommen. Mit dem Ergebnis, dass den Lizenznehmern
nach ihren Milliardeninvestitionen das nötige
Kleingeld fehlte, um die Netze zu verbessern und in Nachfolgetechnologien
zu investieren. Als Folge zahlen die deutschen
Digitalkonsumenten noch heute ein Vielfaches ihrer
Nachbarn für die Datenübertragung und vom schnellen Netz
profitieren noch immer hauptsächlich die Ballungsräume.
Diese Einschätzung teilen übrigens Politiker jeglicher Couleur
— und sogar unsere europäischen Nachbarn. So zitiert
Lobo in seinem Beitrag auch Kersti Kaljulaid. Diesen Namen
oder zumindest das Zitat der Staatspräsidentin von Estland
sollte man sich merken. Kaljulaid bemerkte jüngst in einem
Interview mit Blick u.a. auf Deutschland: »Wir haben nicht
damit gerechnet, dass große Volkswirtschaften es sich erlauben
würden, bei der Digitalisierung so weit zurückzufallen.«
Das sitzt! Besonders in Zeiten, in denen sich gefühlt die
halbe Welt darüber wundert, dass sich der einstige Technologieführer
in seinen Kernkompetenzen, wie etwa dem Automobilbau,
scheinbar ohne Gegenwehr überholen lässt.
Womit wir wieder bei Lobo wären. Der lässt in seiner Kritik
nämlich nicht unerwähnt, dass die Landwirtschaft zu
den digitalsten Branchen des Landes zählt und schlussfolgert
daraus, dass 5G sehr wohl an jeder Milchkanne (und,
wie ich meine, auch an jedem Rebstock in der Ortenau
und anderswo) gebraucht wird. Denn der
neue Standard sorgt nicht nur für schnellen
Datentransfer, er ist auch besonders
energieeffizient und ermöglicht somit
kostengünstig die Übertragung relevanter
Informationen aus dem Weinberg auf den
Rechner des Winzers. Für den Weinbau,
der künftig vor immensen
Herausforderungen
steht, kann diese Technologie
überlebenswichtig werden.
Im Übrigen habe ich keine Ahnung,
ob Frau Karliczek Milch trinkt, aber bei
einem Glas Riesling wären sie und einige
ihrer Kollegen sicher zu einer anderen
Einschätzung gekommen.« F

Inhalte dieser Ausgabe

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