Ausgabe 05/2019

Freitag, 1. März 2019 - 6:00

Starke Stimme in Europa

ddw5/2019

In Brüssel und in den Mitgliedstaaten wird aktuell die
gemeinsame Agrarpolitik (GAP) nach 2020 heiß diskutiert.
Die EU-Kommission hatte im letzten Sommer
Vorschläge zur Reform der Gemeinsamen Marktordnung
(GMO), zum Finanzrahmen und zu den neuen
GAP-Strategieplänen vorgelegt. Aktuell sind also Rat und die
Ausschüsse des EU-Parlamentes am Zug. Der Zeitplan für
das Gesetzgebungsverfahren war ohnehin schon eng - seit
letzter Woche ist nun klar, dass das Gesetzgebungsverfahren
in dieser Legislaturperiode nicht zum Abschluss gebracht
werden kann; der federführende Landwirtschaftsausschuss
hat seine für Anfang März geplante Abstimmung über die
GMO erstmal verschoben. Die Europawahlen stehen vor der
Tür – keine 100 Tage mehr bis zu den Wahlen. Ein guter
Zeitpunkt also, sich mal wieder die Bedeutung von Europa
in Erinnerung zu rufen:
»70 Prozent der Deutschen sind der Meinung,
dass ihre Stimme in der EU zählt.«
Das ist das Ergebnis der jüngsten Eurobarometer-
Umfrage in Deutschland. Das ist
ein ermutigender Anstieg von plus 23 Prozentpunkten
seit dem Frühjahr 2016 - das
Vertrauen in die EU wächst also wieder
und das trotz Brexitbewegung und immer
stärker werdenden oft europakritischen
Bewegungen in vielen Mitgliedstaaten. Dieses
wiedererstarkte Vertrauen halte ich für
außerordentlich wichtig, nicht nur weil ich
aufgrund meines Werdegangs überzeugter
Europäer bin und von den Errungenschaften des Binnenmarktes
auch als einfacher Bürger profitiere, sondern weil
in Europa auch die Musik für die jeweilige nationale Entwicklung
spielt.
»80 Prozent der Gesetze der Mitgliedstaaten werden in
Brüssel ihren Ursprung haben.« Dies prophezeite schon der
damalige EU-Kommissionspräsident Jacques Delors im Jahr
1988. Seine Einschätzung hat sich weitestgehend bewahrheitet.
Unabhängig, ob es nun Verordnungen mit unmittelbarer
Wirkung sind oder Richtlinien, die innerhalb eines »gewissen
Spielraums« in den Mitgliedstaaten umgesetzt werden
müssen – Brüssel gibt den Ton an.
In der aktuellen GAP-Reform wird über die künftige finanzielle
Ausstattung des Agrarsektors entschieden, aber
auch über die Zukunft des Genehmigungssystems für Rebpflanzungen,
über künftig zugelassene Rebsorten für den
g.U.-Bereich, über Brennwert- und Zutatenkennzeichnung
oder über die Frage, ob alkoholfreie Weine in Zukunft als
eine eigene Kategorie angesehen werden. Die Forderung der
Weinbranche war zwar immer eine stärkere Ausrichtung der
GAP am Grundsatz der Subsidiarität – was keine Renationalisierung
der gemeinsamen Agrarpolitik bedeuten soll. Dieser
Forderung der Branche wurde in vergangenen Monaten erfreulicherweise
entsprochen. Aktuelles Beispiel ist die Vereinfachung
des Verfahrens zur Änderung von Lastenheften.
Trotzdem brauchen wir auch weiterhin die richtigen Leute
in Europa - im EU-Parlament und der EU-Kommission - , die
für die Agrarwirtschaft mit starker Stimme sprechen.
Aber nicht nur von politischer Seite braucht die deutsche
Agrarwirtschaft eine starke Stimme in Europa – auch der Berufsstand
der deutschen Winzer muss sich im Konzert der
großen Weinbauländer Gehör verschaffen
können. Der Aufbau und die Pflege eines
europäischen Netzwerkes und eine entsprechende
Wahrnehmung durch unsere
großen ausländischen Kollegen sowie
durch die Politik sind dabei unerlässlich.
Das ist in der Vergangenheit hervorragend
gelungen, da wir dank unseres international
ausgerichteten Weinbaukongresses und
einer internationalen Messe als bedeutender
Standort für Weinbau
und innovative Technik
in der EU wahrgenommen
worden sind. Im Interesse der Forschung,
Wissenschaft, Zuliefererindustrie,
und insbesondere des Berufstandes
müssen wir alle gemeinsam daran arbeiten,
dass dieses internationale Ansehen
der deutschen Weinbaubranche
erhalten bleibt. 

Inhalte dieser Ausgabe

Foto: E. Müller, DLR R-N-H
Ökosystem

Warum Dogmatismus bei der Suche nach einem geeigneten Bodenbearbeitungskonzept nicht förderlich ist

Foto: Wagner GmbH
Weinbau

So kann das Anlegen eines Jungfelds automatisiert werden

Mundus Vini Biofach
Verkostung

Sonderheft mit den Auszeichnungen von Mundus Vini Biofach

Technik

Der zweite Teil des Nachberichtes aus Nieder-Olm

Foto: Messe Düsseldorf
Trends & Märkte

ProWein-Studie zu Entwicklungen auf dem internationalen Weinmarkt

Foto: DLR RLP
Weinbau

Heizdrahtsysteme im Praxistest