Das Fassgeschäft läuft wieder: 77% des Vor-Corona-Niveaus hat die Brauerei Veltins bereits wieder erreicht.
Das Fassgeschäft läuft wieder: 77% des Vor-Corona-Niveaus hat die Brauerei Veltins bereits wieder erreicht.

„Kein Gas, kein Bier“ – wie sich die Brauerei Veltins auf den Worst Case vorbereitet

Die traditionelle Halbjahreskonferenz der Brauerei Veltins lieferte spannende Einblicke in die aktuelle Situation des Biermarktes – und Antworten auf die Frage, wie gefährdet die Bierversorgung in Deutschland anlässlich der Gaskrise ist.

Es waren erstaunliche, erstaunlich positive Zahlen, die die Veltins-Führungsmannschaft rund um den Generalbevollmächtigten Michael Huber und Marketing- und Vertriebschef Dr. Volker Kuhl anlässlich ihrer Halbjahresbilanz verkünden durften (im Detail auch nachzulesen bei der Getränke Zeitung). Der Sauerländer Traditionsbrauer konnte in den ersten sechs Monaten mit einem Ausstoß von 1,71 Mio. hl im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um satte 10,1% zulegen – und entwickelte sich damit doppelt so stark wie der Gesamtmarkt. Noch nie wurde in der Geschichte der Brauerei innerhalb eines halben Jahres so viel Bier gebraut, die Monate März und Mai 2022 waren die ausstoßstärksten Monate in der bald 200-jährigen Veltins-Historie.

Die Gesamtmarke Veltins mit dem Top-Seller Pils konnte um fast 13% zulegen.
Die Gesamtmarke Veltins mit dem Top-Seller Pils konnte um fast 13% zulegen.
Einen großen Teil zum aktuellen Erfolg trägt das "Helle Pülleken" bei.
Einen großen Teil zum aktuellen Erfolg trägt das "Helle Pülleken" bei.

Ein Erfolgstreiber war die schwungvolle Rückkehr des Fassbiergeschäfts. „Wir haben nach den Marktverlusten der Pandemie mit 77% des Fassbiervolumens von 2019 eine straffe Aufholjagd hingelegt“, sagte Marketingvorstand Dr. Volker Kuhl. 194.000 hl füllte die Brauerei im ersten Halbjahr ins Fass ab. Die gesamte Marke Veltins kletterte um 12,7% auf 1,26 Mio. hl. Die zweite große Erfolgsgeschichte schreibt aktuell das „Helle Pülleken“, das im ersten Halbjahr 2022 um 24,9% auf 124.000 hl wachsen konnte. Die Veltins-Chefs sind zuversichtlich, dass das vor gut zwei Jahren eingeführte Hellbier bis Jahresende die Schallmauer von 250.000 hl durchbrechen kann.

Schwere Krise droht

Allerdings: Eine konkrete Prognose sei angesichts der unsicheren Gasversorgung nicht möglich, so Michael Huber. Trotz aller positiven Nachrichten aus den ersten sechs Monaten kommt der Generalbevollmächtigte nicht umhin zu gestehen: „Der Blick nach vorne quält.“ Denn was eine weitere starke Verknappung der Gaslieferungen aus Russland geschweige denn ein kompletter Lieferstopp für die Brauwirtschaft bedeuten würde, machte Huber – generell ein Freund der klaren Worte – mehr als deutlich: „Kein Gas, kein Bier.“ Es könne tatsächlich zu einer schweren wirtschaftlichen Krise kommen, denn die Abhängigkeit von Gas sei – nicht nur in der Brauwirtschaft – groß. Kämpferisch fügte Huber jedoch sogleich an: „Wir wollen lieferfähig bleiben. Für uns ist es unvorstellbar, nicht mehr produzieren zu können.“

Michael Huber, Veltins-Generalbevollmächtigter
Michael Huber, Veltins-Generalbevollmächtigter

"Für uns ist es unvorstellbar, nicht mehr produzieren zu können.“

Michael Huber
Veltins-Generalbevollmächtigter

Um genau dies – zumindest zu Teilen – sicherzustellen, hat die Brauerei Veltins frühzeitig weitreichende Vorkehrungen getroffen. Zu den elementaren, den Fortbetrieb sichernden Maßnahmen zählt der Einkauf von zunächst 500.000 Litern Öl samt notwendiger Tanks. Innerhalb weniger Stunden ließe sich der Betrieb im Kesselhaus von Gas- auf Heizölbefeuerung umstellen. Testweise wurde dies bereits vollzogen. Pro Monat würde die Brauerei zwischen 90.000 und 120.000 Litern Öl benötigen, um eine Kapazität von 85% der bisherigen Leistung aufrechterhalten zu können. Vorausgesetzt, die Biere können dann überhaupt abgefüllt werden, denn die Gaskrise betrifft selbstverständlich auch alle Vorlieferanten – und kein Gas hieße eben auch unter anderem kein Glas. „Wir haben angesichts unsicherer Lieferketten die Bevorratung von Neuglas, Paletten, Etiketten und Leim vorangetrieben und dazu sogar noch Lagerflächen angemietet“, gibt Michael Huber einen Einblick. Die Logistik und damit die Sicherstellung von Lieferketten sei in der jetzigen Situation tatsächlich noch wichtiger als der Vertrieb. Huber: „Die Beschaffung hat oberste Priorität!“

Im Notfall und bis zu einem gewissen Grad kann die Veltins-Brauerei den Betrieb mit Heizölbefeuerung aufrecht erhalten.
Im Notfall und bis zu einem gewissen Grad kann die Veltins-Brauerei den Betrieb mit Heizölbefeuerung aufrecht erhalten.
In Grevenstein-Meschede stehen bis zum Jubiläumsjahr 2024 weitreichende Investitionen an.
In Grevenstein-Meschede stehen bis zum Jubiläumsjahr 2024 weitreichende Investitionen an.

Mit den eingeleiteten Maßnahmen sieht sich die Brauerei besser vorbereitet als ein Großteil der Konkurrenz. Dennoch, so Huber, müsse es „eine gewisse Zeit auch mit A minus gehen“. Langfristig – in Zahlen: in den nächsten sechs bis acht Jahren – strebt Veltins eine hohe energetische Eigenversorgung über unter anderem Windkraft und Photovoltaik an. Auch angesichts der momentanen Krise laufen die weiteren Investitionen nach Plan: Die erste von zwei neuen Abfüllanlagen geht noch im Sommer ans Netz. Bis zum Jubiläumsjahr 2024 wird Veltins für rund 100 Mio. Euro ein neues Abfüllzentrum für Flaschenbier fertiggestellt haben.

(Text: Benjamin Brouër)

fizzz 08/2022

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