Aufgrund des dramatisch rückläufigen Biermarktes und der doppelten Krisen wie Corona sowie Krieg und der daraus entstehenden Überkapazitäten muss die Radeberger Gruppe die Reißleine ziehen und den Produktionsstandort Frankfurt schließen. (Foto: Radeberger Gruppe)
Aufgrund des dramatisch rückläufigen Biermarktes und der doppelten Krisen wie Corona sowie Krieg und der daraus entstehenden Überkapazitäten muss die Radeberger Gruppe die Reißleine ziehen und den Produktionsstandort Frankfurt schließen. (Foto: Radeberger Gruppe)

"Absatztrauma": Radeberger Gruppe muss Abfüllort von Binding Bier schließen

Die Radeberger Gruppe wird eigenen Angaben zufolge den Produktions- und Abfüllbetrieb an ihrem Frankfurter Standort, also der Binding-Brauerei, bis spätestens Oktober 2023 einstellen. Die dort produzierten und abgefüllten Marken und Mengen sollen schrittweise an Schwesterstandorte verlagert werden.

Damit stelle sich "der Marktführer im deutschen Biermarkt" vorausschauend auf einen durch strukturelle Veränderungen langfristig weiter rückläufigen, vor allem aber durch die "langen Schatten der Krisen" zusätzlich empfindlich unter Druck stehenden Biermarkt ein, nehme aktiv wirtschaftlich stark belastende Überkapazitäten aus dem Markt und sorge somit für eine optimierte Auslastung und Stärkung ihrer Braustandorte in allen Regionen Deutschlands, wie es von Unternehmensseite heißt. 

„Wir haben lange gerungen, die Frankfurter Binding-Brauerei als einen für uns alle emotional besonderen Standort zu erhalten: So haben wir sämtliche alternative Ansätze und Routen ausgelotet, Spielräume genutzt und damit über Jahre auch wirtschaftliche Nachteile in Kauf genommen mit dem Ziel, diese schwere Entscheidung nicht treffen zu müssen. Vor dem Hintergrund der jüngsten Krisen, der massiven Belastungen, mit denen sich die deutschen Brauer konfrontiert sehen, und nicht zuletzt der dramatischen Kostenexplosionen, die wir als Branche schultern müssen, ist das für die Unternehmensgruppe nun leider nicht mehr länger darstellbar“, beschreibt Guido Mockel, Sprecher der Geschäftsführung der Radeberger Gruppe, die Hintergründe.

Die Branche habe sich noch nicht annähernd von den Folgen der Pandemie erholt und ächze nun bereits unter den wohl dramatischsten Kostensteigerungen seit Ende des Zweiten Weltkriegs. „Allein in unserer Unternehmensgruppe belaufen sich diese Belastungen nach derzeitigem Stand bereits auf einen zusätz-lichen dreistelligen Millionenbetrag, Tendenz weiter steigend. Eine Summe, die sich nicht mehr allein durch Effizienzsteigerungen abfedern lässt“, so der Brauereichef.

Binding_Bier_geschlossen
Die Marke bleibt erhalten, der Produktionsstandort in Frankfurt wird geschlossen. 

Aus ebendiesem Grund hatte die Unternehmensgruppe bereits Anfang September bekannt gegeben, ihre Abgabepreise ab 1. Dezember 2022 moderat anpassen zu müssen. Dies reiche aber nicht aus, um bei den derzeitigen Markt- und Kostenentwicklungen nachhaltig gegenzusteuern: „Wir arbeiten in einem sehr preissensiblen Marktumfeld, in dem Preisanpassungen nur mit Augenmaß erfolgen können. Daher müssen wir, nach sorgfältigem Ausloten aller alternativen Ansätze, nun zusätzlich an unseren Fix- und Betriebskosten arbeiten – also Unschärfen in unserer Aufstellung reduzieren, zum Beispiel durch nicht optimal ausgelastete Brau- und Abfüllkapazitäten“, so Mockel.

Diese Herausforderung adressiert die Unternehmensgruppe jetzt mit dem angekündigten Herunter-fahren der Binding-Brauerei im Jahr 2023: „Auf der einen Seite bestehen hier am Frankfurter Produktionsstandort selbst erhebliche Überkapazitäten, die wir in der Vergangenheit nur mit großen unternehmerischen und wirtschaftlichen Kraftanstrengungen weiter auslasten konnten. Zum anderen war unser Ziel, diese gruppenweit bestehende Herausforderung mit einem Schritt, an einem Standort zu beantworten“, erläutert der Unternehmenssprecher.

Unternehmenszentrale bleibt Frankfurt – Marken werden fortgeführt

Die Zentrale der Radeberger Gruppe in Frankfurt sei laut Unternehmensgruppe von dieser Maßnahme ausdrücklich nicht betroffen, sie soll weiterhin ihren Sitz am Sachsenhäuser Berg haben. Auch die von der Binding-Brauerei gebrauten und abgefüllten Marken und Mengen blieben über das Ende des Frankfurter Produktionsstandortes hinaus nach bewährten Rezepturen erhalten, heißt es.
Für die betroffenen rund 150 Mitarbeitenden wird die Radeberger Gruppe in den jetzt anlaufenden Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretungen wo immer möglich sozialverträgliche Lösungen suchen. Das können zum Beispiel Angebote für Altersteilzeit oder auch alternative Jobangebote an ihren anderen Standorten sein.

„Was für die Branche gilt, gilt für uns als Marktführer ebenso: Auch in unserer Unternehmensgruppe haben sich über die Jahre durch Marktveränderungen, Nachfrageverschiebungen oder ganz einfach historisch gewachsene Überdimensionierungen der Brau- und Abfüllanlagen an einigen Standorten deutliche Überkapazitäten angesammelt, die wir im Lichte von Krisen und wirtschaftlichen Herausforderungen nun nicht mehr unangetastet lassen können, um auch in Zukunft kraftvoll im Markt agieren und diesen gestalten zu können“, so Mockel. „Dazu treten wir an. Aber dafür braucht es eben jetzt auch diese Konsequenz.“

Dramatischer Volumenrückgang von Bier seit dem Jahr 2000

Der deutsche Biermarkt ist bereits seit vielen Jahren rückläufig. Seit Beginn dieses Jahrtausends hat er Experten zufolge knapp 25 Millionen Hektoliter Absatz verloren, während die Branche lediglich marginale Kapazitätsanpassungen vorgenommen hat. „Allein durch die Corona-Pandemie sind unserer Braubranche in nur zwei Jahren knapp 7 Millionen Hektoliter Bierabsatz verloren gegangen: eine Menge, die bei regulärer Marktentwicklung wohl erst in den nächsten 7 bis 10 Jahren entfallen wäre. Das ist ein regelrechtes Absatztrauma für die Brauer“, erläutert Mockel. In der Folge leide laut Mockel die deutsche Brauwirtschaft nun mehr denn je unter ungesunden Überkapazitäten, die einem nachhaltigen Wirtschaften immer mehr im Wege stehen. //pip

GZ 24/22

Themen der Ausgabe

Gastkommentar: Peter Laux

Peter Laux, Managing Director der Messer Industriegase GmbH, erklärt, wie das Unternehmen durch alternative Verfahren unabhängiger von der Düngemittelproduktion werden will. 

Aktuelles Interview: Raymond Sahm

Raymond Sahm, geschäftsführender Gesellschafter von Rastal, sieht sein Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgehen. Dank einer neuen betriebswirtschaftlichen Grundlage und erheblichen Innovationen im digitalen Bereich sieht er Rastal für die Zukunft gut aufgestellt.

Titelthema: Stand CO2-Mangel

Nicht sehr prickelnd: CO2 ist weiterhin ein rares Gut. Einzig eine Erhöhung der Düngemittelproduktion scheint die Lage kitten zu können. Die EU ist dran.