Hansa-Heemann, eine der größten Getränkehersteller Deutschlands (Hella, St. Michaelis, Fürst Bismarck), gehört nun in das Portfolio des niederländischen Refresco-Konzerns. (Foto: Adobe Stock)
Hansa-Heemann, eine der größten Getränkehersteller Deutschlands (Hella, St. Michaelis, Fürst Bismarck), gehört nun in das Portfolio des niederländischen Refresco-Konzerns. (Foto: Adobe Stock)

Mega-Deal perfekt: Refresco schluckt Hansa-Heemann

Das Bundeskartellamt hat den Erwerb der Hansa-Heemann AG, Rellingen durch die Refresco Holding B.V., Rotterdam für die betroffenen deutschen Märkte freigegeben. Dies gab die Wettbewerbsbehörde in einem "Fallbericht" bekannt.

Darin heißt es, Zwar handele es sich bei Refresco um das nach eigenen Angaben größte unabhängige Abfüllunternehmen von Erfrischungsgetränken und Fruchtsäften für den Einzelhandel sowie für Markenunternehmen und bei Hansa-Heemann um einen der führenden Anbieter von Mineralwasser und Erfrischungsgetränken in Deutschland. Die Ermittlungen des Bundeskartellamtes hätten aber ergeben, dass "Hansa-Heemann und Refresco nicht die engsten Wettbewerber" sind und selbst bei engster sachlicher Marktabgrenzung keine erhebliche Verschlechterung des Wettbewerbs in den betroffenen Märkten zu erwarten sei. Für die weiteren betroffenen Märkte in den Niederlanden und in Polen werde das Zusammenschlussvorhaben derzeit von der Europäischen Kommission geprüft, verlautet es aus Bonn.

In dem Fallbericht gibt die Wettbewerbsbehörde eine sehr dezidierte Begründung für Ihre Entscheidung ab. Darin wird beschrieben, dass Refresco und Hansa-Heemann im Bereich der Abfüllung nicht-alkoholischer Getränke tätig seien. Die Refresco-Gruppe sei nach eigenen Angaben das "weltweit größte unabhängige Abfüllunternehmen von Erfrischungsgetränken und Fruchtsäften für den Einzelhandel sowie für Markenunternehmen" mit Produktionsstätten in Europa, Nordamerika und Mexiko. Sie produziere jährlich ein Volumen von rund 11 Milliarden Litern an Getränken und tätigt einen Umsatz von rund 3,9 Milliarden Euro. Hansa-Heemann wiederum sei einer der führenden Anbieter von Mineralwasser und Erfrischungsgetränken in Deutschland mit einem Jahresumsatz von rund 300 Millionen Euro.

Wettbewerblichen Auswirkungen des Zusammenschlussvorhabens

Das Bundeskartellamt habe die wettbewerblichen Auswirkungen des Zusammenschlussvorhabens in sachlicher Hinsicht in verschiedenen Segmenten der Getränkeabfüllung untersucht. Dabei habe sich gezeigt, dass die Beteiligten insbesondere im Bereich der Abfüllung von Wasser und Erfrischungsgetränken (wie beispielsweise Limonaden, Cola-Getränke und Bittergetränke) in PET-Verpackungen unter Handelsmarken "eine starke Marktposition haben". Daher habe das Bundeskartellamt seine Prüfung verstärkt auf dieses Segment konzentriert und im Rahmen der Ermittlungen die wichtigsten Nachfrager im Bereich Lebensmitteleinzelhandel (LEH) und die von den Zusammenschlussbeteiligten benannten Wettbewerber befragt. Weiterhin seien von dem Zusammenschluss die Bereiche Sport- und Energiegetränke sowie Fertigteegetränke betroffen.

Auch in räumlicher Hinsicht haben die Wettbewerbshüter die geplante Fusion sowohl auf Grundlage eines deutschlandweiten Marktes als auch unter der Annahme regionaler Märkte geprüft. Refresco fülle die vom Zusammenschluss betroffenen Getränke in Deutschland fast ausschließlich in Erftstadt und damit circa 240 km von dem nächstgelegen Standort von Hansa-Heemann in Löhne entfernt ab. Da die Lieferradien für unter Handelsmarken vertriebene Getränke typischerweise begrenzt seien, komme es bei einer regionalen Betrachtung lediglich zu "geringfügigen Überschneidungen" zwischen den geschäftlichen Aktivitäten der Zusammenschlussbeteiligten.

Bei einer deutschlandweiten Betrachtung und engster sachlicher Marktabgrenzung – Wasser und Erfrischungsgetränke jeweils in PET-Verpackung als Handelsmarke für den LEH – würden die Zusammenschlussbeteiligten zwar relativ hohe Marktanteile erreichen, die jedoch auf allen betroffenen Märkten "unter der Vermutungsschwelle für Einzelmarktbeherrschung" von 40 Prozent bleiben. Einige LEH-Unternehmen hätten  sich laut Kartellbehörde besorgt über die weiter steigende Konzentration in den betroffenen Märkten und einer damit möglicherweise verbundenen Tendenz zu Einkaufspreiserhöhungen geäußert. Mehrere befragte Wettbewerber hingegen erwarteten einen verstärkten Wettbewerbsdruck und Preissenkungen nach dem Zusammenschluss.

Refresco und Hansa-Heemann nicht die engsten Wettbewerber

Refresco und Hansa-Heemann seien nicht die engsten Wettbewerber auf dem deutschen Markt. Refresco sei zwar international sehr gut aufgestellt, auf dem deutschen Markt insbesondere im Bereich Wasser jedoch noch nicht stark präsent. Durch den Zusammenschluss ergänzten sich die Sortimente der Beteiligten und Refresco könne seine Marktposition deutlich ausbauen. Für die wettbewerbliche Beurteilung sei, bezogen auf den Bereich der Handelsmarken, der verbleibende Wettbewerbsdruck durch ein darauf spezialisiertes Unternehmen, welches auch nach dem Zusammenschluss weiterhin führend bei der Abfüllung von Wasser in PET-Verpackungen unter Handelsmarken bleibe, und weitere kleine Mineralbrunnen relevant gewesen. Weiterhin seien die freien Abfüllkapazitäten im Markt sowie die Nachfragemacht des LEHs, der teilweise über eigene Abfüllwerke verfüge, zu berücksichtigen gewesen.

Nach dem Zusammenschluss werde Refresco in ganz Deutschland über verteilte Abfüllanlagen verfügen. Dies ermögliche es Refresco, LEH-Unternehmen bundesweit "nahezu flächendeckend zu beliefern", was einen Nachteil für regional tätige Mineralbrunnen darstellen könnte. Die Ermittlungen hätten jedoch ergeben, dass insbesondere bei Wasser auch regionale Beschaffungsstrategien erfolgreich sein können. Dies reduziere die Abhängigkeit des LEH von den großen Abfüllunternehmen und könne durch kürzere Transportwege zu nachhaltigerer Versorgung beitragen.

Bei einer gemeinsamen Betrachtung von Handels- und Herstellermarken stellte sich das Vorhaben als unbedenklich dar, da eine größere Anzahl von Unternehmen mit ihren Marken in den betroffenen Produktbereichen präsent sei. Die Marktanteile der Beteiligten lägen auf allen betroffenen Märkten unter 20 Prozent. Somit könne das Zusammenschlussvorhaben nach umfangreichen Ermittlungen innerhalb der ersten Prüfungsphase freigegeben werden, meinen die Wettbewerbshüter abschließend.

Ansonsten gab es bislang weder von Hansa-Heemann  noch von Refresco in irgendeiner Form Bekundungen zur Genehmigung dieses Mega-Deals. //pip

GZ 03/23

Themen der Ausgabe

Gastkommentar: Christoph Koehler

Dass Bier eine Heimat braucht, erklärt Christoph Koehler von der Darmstädter Privatbrauerei in seinem Gastkommentar. Er betont: Herrscher über die eigene Wertschöpfungskette zu sein, entwickelt sich immer mehr zum Wettbewerbsvorteil.

Aktuelles Interview: Savina Fohsack

"Etliche Probleme sind wir los": Savina Fohsack, Geschäftsführerin von Fohsack Getränke in Ellerbek, erzählt, warum sie als Getränkefachgroßhändlerin auf Bestell-Apps setzt – und wie sie davon profitiert.

Titelthema: Pfungstädter Brauerei

Hessen größte Privatbrauerei steht wirtschaftlich so gut wie lange nicht da – und kämpft trotzdem ums Überleben. Eine Chronik des Scheiterns.