Rainer Will, Geschäftsführer Handelsverband Österreich (Foto: Handelsverband Österreich)
Rainer Will, Geschäftsführer Handelsverband Österreich (Foto: Handelsverband Österreich)

"Es muss Kostenneutralität für Einwegpfandsystem-Betreiber geben"

Mitte Oktober dieses Jahres hat das österreichische Klimaministerium angekündigt, ab dem Jahr 2025 für Plastikflaschen (PET-Einweg) und Getränkedosen ein Pfand verbindlich für alle Handelsstufen einzuführen. Des Weiteren soll ab dem Jahr 2024 ebenso verbindlich für den Verkauf von Getränken in allen Supermärkten das Mehrwegangebot zurückkehren. Geschäftsführer Rainer Will vom Handelsverband Österreich appelliert an Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, den gesamten filialisierten Lebensmitteleinzelhandel als auch die mehr als 6.700 selbstständigen Kaufleute im Land bei der Umsetzung bestmöglich zu unterstützen. Nur so können man die Nahversorgung aller Österreicherinnen und Österreicher sicherstellen, sagte Will der GETRÄNKE ZEITUNG im Gespräch.

Herr Will, was war Ihr erster Gedanke nach Bekanntgabe von Klimaschutzministerin Leonore Gewessler, ab 2025 verbindlich auf PET-Einwegflaschen und Getränkedosen Pfand einzuführen und das Mehrwegangebot im LEH ab dem Jahr 2024 zu reaktivieren?

Ich habe die Entscheidung zur Kenntnis genommen und war froh, dass die Fakten jetzt auf dem Tisch liegen. Damit haben die Händler rechtliche Klarheit, Investitionssicherheit und auch die nötige Vorlaufzeit, um die Vorgaben bei der Einführung eines Einwegpfandsystems sowie bei der Mehrwegquote bestmöglich umzusetzen.

Welche finanziellen Konsequenzen hat diese umfangeiche Verpackungsnovelle nun zur Folge für den gesamten österreichischen Einzelhandel?

Die Einführung eines Einwegpfandes ist für den heimischen Handel mit einem sehr hohen Investitionsaufwand verbunden. Es entstehen Mehrkosten für die Einführung und Installation des neuen Systems, Umbauarbeiten in den Geschäften und zusätzliche logistische Aufwände beim Abtransport des Leerguts. Allein die Anschaffungskosten eines Leergutautomaten liegen zwischen 25.000 und 50.000 Euro. Hinzu kommen zusätzliche Personalkosten in Höhe von rund 40 Millionen Euro für Reinigung und Wartungsarbeiten.

Durch die politische Entscheidung steht nun fest, dass es zur Umsetzung von Einweg- und Mehrwegpfandsystemen in Österreich kommen wird. Nun ist entscheidend, dass alle Lebensmitteleinzelhändler ausreichende Förderungen für die zusätzlichen Kosten erhalten. Im "Österreichischen Aufbau- und Resilienzplan 2020 – 2026" sind zumindest Förderungen für die Investitionskosten vorgesehen. Die laufenden Kosten und die Umbaukosten müssen aber ebenso gefördert werden. Wir appellieren an Klimaschutzministerin Gewessler, sowohl den gesamten filialisierten Lebensmitteleinzelhandel als auch die mehr als 6.700 selbstständigen Kaufleute im Land bei der Umsetzung bestmöglich zu unterstützen. Nur so können wir die Nahversorgung aller Österreicherinnen und Österreicher sicherstellen.

Sind die selbstständigen Kaufleute, die nicht einem Konzern angehören, in der Lage, die Investitionen zu stemmen?

Wir haben als Handelsverband immer wieder darauf hingewiesen, dass die Einführung eines Einwegpfandes insbesondere für kleinere Nahversorger und selbstständige Kaufleute mit gravierenden Mehrbelastungen und damit Wettbewerbsnachteilen einhergeht. Beispielsweise ist die Aufstellung von Automaten in kleinen Filialen schwer möglich, da es oft weder einen Lagerplatz noch eine Erweiterungsmöglichkeit im Außenbereich gibt. Dann bleibt nur eine Reduzierung der Verkaufsfläche, die wiederum mit einem Umsatzentgang verbunden ist. Auch wenn kleine Händler mit weniger als 400 m2 Verkaufsfläche von der Rücknahmepflicht beausnahmt werden, befürchten viele, dass ihre Kundschaft zu jenen Einkaufsstellen abwandert, wo eine Rücknahme möglich ist.

Als 2003 in Deutschland das Dosenpfand eingeführt worden ist, wurde dies zur Konjunkturmaschine der Discounter, weil deren Filialen verpflichtet gewesen sind, nur Flaschen zurückzunehmen, die in den jeweiligen Geschäften verkauft wurden. Für viele Verbraucher war der Weg zurück an den Kaufort zu umständlich. Die Discounter behielten somit das gezahlte Pfand. Könnte das in Österreich auch passieren?

Nein, ich denke nicht, dass eine solche Regelung in Österreich kommen wird. Nicht umsonst wurde diese Bestimmung bereits im Mai 2006 in Deutschland geändert. Seitdem müssen die Händler alle Pfand-Einwegverpackungen zurücknehmen, unabhängig davon, ob sie im eigenen Geschäft verkauft wurden oder nicht.

Geben die Kundinnen und Kunden ihre Pfandflaschen nicht zurück, verbleibt der ursprünglich bezahlte Einwegpfand bei den Abfüllern oder Händlern. Das ist der sogenannte Pfandschlupf. In Deutschland werden allein damit pro Jahr rund 180 Millionen Euro eingenommen – und das bei einer Rücknahmequote von 96 Prozent. Wer in Österreich am Pfandschlupf verdienen würde, hängt letztlich von der finalen Ausgestaltung des Systems ab. Uns ist es jedenfalls ein großes Anliegen, möglichst alle Pfandflaschen auch wieder in den Sammel- und Verwertungskreislauf zurückzubekommen und den Pfandschlupf so gering wie möglich zu halten. Länder wie Dänemark haben übrigens von Anfang an unterbunden, dass Hersteller am Pfandschlupf verdienen können. Sie haben die daraus gewonnenen Gelder stattdessen für Umweltprojekte eingesetzt. Ein Vorzeigebeispiel, wie wir finden.

Die Rücklaufquote bei Einweggetränkeverpackungen liegt in Österreich bei circa 70 Prozent, in Deutschland bei 96 Prozent. Welche Quote wäre nach Einführung des Pfandes Ihrer Meinung nach realistisch und gewollt?

Angesichts der erforderlichen Investitionskosten hoffen wir natürlich auf eine ähnlich hohe Rücklaufquote wie in Deutschland. Laut EU-Kommission muss unsere PET-Sammelquote bis 2029 auf mindestens 90 Prozent steigen.

Welche Vorteile sehen Sie durch die Einführung des Pflichtpfandes oder gibt es ausschließlich Nachteile?

Ein wesentlicher Vorteil des Pflichtpfandes ist, dass durch den finanziellen Anreiz vermutlich noch mehr Einweg-PET-Flaschen und –dosen mit Pfand nach der Rückgabe durch die Verbraucherinnen und Verbraucher dem Wertstoffkreislauf zurückgeführt und wiederverwertet werden können. So trägt das Pflichtpfand zur Ressourcenschonung und zum Klimaschutz bei. Mit einem Pfandsystem auf PET-Flaschen in Kombination mit einem Mehrweg-Pfand können wir überdies dringend benötigte Kapazitäten in den heimischen Sortieranlagen für andere Leichtverpackungen freimachen. Gleichzeitig können PET-Flaschen von sonstigen Leichtverpackungen automatisch getrennt und den Getränkeherstellern in Form von Rezyklat wieder zur Verfügung gestellt werden.

Kommen wir zum obligatorischen Mehrwegangebot ab 2024. In Deutschland liegt die Mehrwegquote bei Getränkeverpackungen derzeit bei etwas mehr als 41 Prozent, gefordert sind seitens der Regierung ein Anteil von 70 Prozent. Wie hoch liegt in Österreich die Mehrwegquote und gibt es ein formuliertes Ziel seitens der Regierung?

2004 wurde hierzulande die "Nachhaltigkeitsagenda für Getränkeverpackungen" initiiert – eine Erfolgsgeschichte mit 456 Maßnahmen, um den Anteil von Mehrwegflaschen in Österreich auszubauen und Mehrweg für die Konsumenten zu attraktivieren. Dank dieser gemeinsamen Anstrengungen konnte die heimische Mehrwegquote zuletzt bei rund 20 Prozent stabilisiert werden. Mit der Novelle des Abfallwirtschaftsgesetzes soll diese Quote bis 2025 auf mindestens 25 Prozent und bis 2030 auf mindestes 30 Prozent gesteigert werden.

In Deutschland geht der Trend zur Individualisierung von Mehrwegflaschen, was die Gebindevielfalt und somit die Komplexität der Sortierung und den Aufwand erheblich erhöht. Gibt es in Österreich einen ähnliche individuelle Gebindevielfalt und wie geht der Lebensmitteleinzelhandel damit um?

Wir haben in Deutschland und – in abgeschwächter Form auch in Österreich – seit Jahren eine riesige Gebindevielfalt. Dies hat zu einem deutlichen Anstieg der Handling- und Logistikkosten im Handel geführt. Im Zuge der Corona-Pandemie ist noch ein massiver Fahrermangel hinzugekommen. Vor diesem Hintergrund plädieren wir für eine sanfte Reduktion der Gebinde, ohne damit die Vielfalt der Getränkebranche zu gefährden.

Deutschland ist bekannt für sein einzigartig organisiertes Rücknahmesystem im Flaschenbereich. Grund genug für Österreich, es als Blaupause zu nutzen oder ist es eher ungeeignet für den österreichischen Markt?

Im internationalen Vergleich hat Deutschland definitiv eines der besten Flaschenrücknahmesysteme. Fakt ist aber auch, wir Österreicher sind etwa beim Mülltrennen und Recycling im EU-Vergleich sehr gut unterwegs. Wir sind ein Vorzeigeland, was das Verpackungssammlungssystem insgesamt angeht. Österreich erfüllt sämtliche EU-Vorgaben bis 2025 bereits heute, nur beim Recycling von Kunststoff haben wir noch Luft nach oben. Hier soll das Einwegpfandsystem Abhilfe schaffen. Ob es letztlich das deutsche Modell als Blaupause braucht, oder doch eine andere Lösung: Die gesamte Branche wird alles daransetzen, um sowohl das Einweg-Pfandsystem als auch den Ausbau der Mehrweg-Quote bestens umzusetzen.

Entscheidend ist für uns, dass der Handel für die Aufwendungen zum Betrieb des Rücknahmesystems eine Handling Fee für jedes zurückgenommene Gebinde erhält, deren Höhe sich an allen tatsächlichen laufenden Kosten (Personalkosten, Instandhaltungskosten, Raummieten, AfA, etc.) orientiert. Es muss eine Kostenneutralität für die Getränkeindustrie und den Lebensmittelhandel als Betreiber eines Einwegpfandsystems geschaffen werden.

Wofür schlägt Ihr Herz: eher Einweg oder Mehrweg, eher Leitungswasser in Verbindung mit Wassersprudlern (Sodastream) oder Mineralwasser?

Eines vorweg: Grundsätzlich entscheiden wir Konsumentinnen und Konsumenten mit unserem täglichen Einkaufsverhalten, welche Produkte und welche Verpackungen im Handel angeboten werden. Der heimische Lebensmittelhandel setzt sich jedenfalls für eine faire Gleichbehandlung und eine verbesserte Kennzeichnung von Mehrwegprodukten ein und stellt dem Verbraucher entsprechende Alternativen zur Einwegflasche zur Verfügung. Auch Aktionspreise und verstärkte Bewerbung werden eingesetzt, um beim Konsumenten noch mehr Bewusstsein dafür zu schaffen.

Ich persönlich versuche, beim Einkaufen nach Möglichkeit Mehrweg zu kaufen bzw. zu offen angebotener Ware zu greifen. Ich bin aber auch in der privilegierten Lage, Tag für Tag das kristallklare Wiener Hochquellwasser trinken zu dürfen.

Interview: Pierre Pfeiffer

GZ 24/21

Titelseite Getränke Zeitung Nr. 24/2021 (Foto: stock.adobe.com)

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